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»Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst
Zum Geburtstag des vormaligen Reichskanzlers Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst möchten wir einen Mann vorstellen, der heute sehr wahrscheinlich wenig bekannt ist, jedoch eine außerordentlich interessante Vita in einer lebhaften Zeit aufweist. Als bayrischer, vielmehr fränkischer Katholik war er nicht wie seine Vorgänger preußisch-protestantisch geprägt und er war auch kein Militär. Dass er von Kaiser Wilhelm II. als Nachfolger Caprivis ernannt wurde, überraschte, zeigt aber auch den Willen eines oft gescholtenen Monarchen, im Reich den Ausgleich zwischen den Interessengruppen zu fördern.
Chlodwig Carl Viktor Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst wurde am 31. März 1819 in Rotenburg an der Fulda geboren. Er entstammte der fränkischen Hochadelsfamilie Hohenlohe-Schillingsfürst, einer mediatisierten Reichsfürstendynastie, die nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches weiterhin zu den bedeutenden standesherrlichen Häusern im Deutschen Bund zählte, auch wenn sie ihre reichsunmittelbaren Territorien verloren hatten. Sein Vater war Franz Joseph Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, seine Mutter Prinzessin Konstantia von Hohenlohe-Langenburg. Die Familie gehörte zum katholischen Hochadel, was im politischen Leben des 19. Jahrhunderts eine gewisse Besonderheit darstellte, da die Masse der führenden Staaten und maßgeblichen Personen des Deutschen Bundes – allen voran Preußen – überwiegend protestantisch geprägt waren.
Hohenlohe erhielt eine umfassende Ausbildung und studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Göttingen, Bonn und Heidelberg. Nach Abschluss des Studiums trat er zunächst in den bayerischen Staatsdienst ein. Schon früh zeigte sich sein Interesse an staatsrechtlichen und politischen Fragen. In den politischen Diskussionen der Mitte des 19. Jahrhunderts bewegte er sich im Umfeld liberal-konstitutioneller Reformvorstellungen, die eine stärkere Beteiligung parlamentarischer Institutionen innerhalb der monarchischen Ordnung anstrebten.
Seine politische Laufbahn begann im Königreich Bayern. Seit den 1840er Jahren übernahm er verschiedene diplomatische und administrative Aufgaben. In den folgenden Jahrzehnten gewann er zunehmenden Einfluss innerhalb der bayerischen Politik. Einen entscheidenden Schritt stellte seine Ernennung zum bayerischen Ministerpräsidenten im Jahr 1866 dar. Diese fiel in eine politisch äußerst schwierige Phase, da Bayern im Deutschen Krieg an der Seite Österreichs gegen Preußen gestanden hatte und die Niederlage eine grundlegende Neuorientierung der bayerischen Außenpolitik erforderlich machte. Hohenlohe bemühte sich in dieser Situation um eine vorsichtige Annäherung an Preußen und um eine Anpassung Bayerns an die veränderten politischen Kräfteverhältnisse im Deutschen Bund.
Seine Politik war von einem gemäßigt liberalen und konstitutionellen Ansatz geprägt. Gleichzeitig vertrat er die Auffassung, dass staatliche Autorität gegenüber kirchlichen Institutionen gewahrt bleiben müsse. In diesem Zusammenhang unterstützte er Maßnahmen, die auf eine stärkere staatliche Kontrolle kirchlicher Angelegenheiten zielten. Diese Position brachte ihn in Konflikt mit ultramontanen Kräften innerhalb der katholischen Kirche und bildete einen frühen Bestandteil jener Auseinandersetzungen, die später unter dem Begriff Kulturkampf bekannt wurden.
Nach seinem Rücktritt als bayerischer Ministerpräsident im Jahr 1870 setzte Hohenlohe seine politische Laufbahn im neu gegründeten Deutschen Reich fort. Er gehörte zunächst dem Reichstag an und übernahm anschließend diplomatische Aufgaben. Von 1873 bis 1880 war er deutscher Botschafter in Paris. Diese Stellung war in der unmittelbaren Nachkriegszeit des Deutsch-Französischen Krieges von besonderer Bedeutung, da das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich weiterhin von Spannungen geprägt war. Seine Tätigkeit zielte darauf, die diplomatischen Beziehungen zu stabilisieren und die politischen Folgen des Krieges zu moderieren.
Im Jahr 1880 übernahm er für kurze Zeit das Amt des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt. Eine langfristigere und politisch bedeutsame Aufgabe erhielt er jedoch 1885, als er zum Statthalter im Reichsland Elsaß-Lothringen ernannt wurde. Dieses Gebiet war 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg an das Deutsche Reich gefallen und wurde unmittelbar von der Reichsregierung verwaltet. Als Statthalter fungierte Hohenlohe gewissermaßen als Vertreter des Kaisers in Straßburg. Seine Aufgabe bestand darin, die Verwaltung des Reichslandes zu stabilisieren und zugleich eine vorsichtige politische Integration der Region in das Reich zu fördern – ein Vorhaben, das angesichts der starken französischen Orientierung vieler Einwohner politisch sensibel blieb.
Den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreichte Hohenlohe im Jahr 1894. Kaiser Wilhelm II. ernannte ihn am 29. Oktober zum Reichskanzler des Deutschen Reiches und zugleich zum preußischen Ministerpräsidenten. Er folgte damit auf Leo von Caprivi. Zum Zeitpunkt seiner Ernennung war Hohenlohe bereits 75 Jahre alt, weshalb seine Kanzlerschaft von Zeitgenossen teilweise als Übergangslösung betrachtet wurde.
Während seiner Amtszeit wurden mehrere bedeutende gesetzgeberische Projekte abgeschlossen. Zu den wichtigsten gehörte die endgültige Verabschiedung des Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahr 1896, das am 1. Januar 1900 in Kraft trat und erstmals ein einheitliches Zivilrecht für das gesamte Deutsche Reich schuf. Darüber hinaus wurden Reformen im Militärstrafrecht durchgeführt und neue Regelungen im Vereinsrecht erlassen. Viele dieser Gesetzesvorhaben waren allerdings bereits in den Jahren zuvor vorbereitet worden und erreichten während seiner Kanzlerschaft ihren Abschluss.
Die politische Situation im Deutschen Reich war in dieser Zeit stark vom Regierungsstil Kaiser Wilhelms II. geprägt. Der Kaiser griff häufig persönlich in politische Entscheidungen ein, wodurch der Handlungsspielraum des Reichskanzlers teilweise eingeschränkt war. In der historischen Forschung wird Hohenlohes Kanzlerschaft deshalb häufig als Phase relativer politischer Stabilität, zugleich aber auch als Zeit begrenzter Kanzlerautorität beschrieben.
Am 17. Oktober 1900 trat Hohenlohe aus Altersgründen vom Amt des Reichskanzlers zurück. Sein Nachfolger wurde Bernhard von Bülow. Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst starb am 6. Juli 1901 im Alter von 82 Jahren in Bad Ragaz in der Schweiz.
In der historischen Bewertung gilt Hohenlohe als eine Persönlichkeit, die über viele Jahrzehnte hinweg zentrale Funktionen im politischen System des 19. Jahrhunderts ausübte. Seine Laufbahn verband süddeutsche Staatenpolitik, diplomatische Tätigkeit, Verwaltung eines Reichslandes und schließlich die Führung der Reichsregierung. Damit spiegelt seine Karriere in gewisser Weise die Entwicklung Deutschlands vom föderalen Staatensystem des Deutschen Bundes hin zum Nationalstaat des Kaiserreichs wider.«
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Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900)
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