Hier ein vollständiges Textzitat:
»Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) durchlief bis 1631 bereits zwei Hauptphasen: Den böhmisch-pfälzischen Krieg (1618–1623) gegen Habsburg, der mit dem Prager Fenstersturz begann und mit der Schlacht am Weißen Berg zur Vertreibung des Winterkönigs Friedrich V. von der Pfalz führte; sowie den dänischen Krieg (1625–1629), in dem Christian IV. von Dänemark auf der protestantischen Seite intervenierte, aber von Tilly und Wallenstein besiegt wurde. Was folgte war nicht eine maßvolle Politik des Kaisers, sondern jenes folgenreiche Restitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. 1629, das die kaiserlich-katholische Dominanz zementieren, den konfessionellen Frieden sichern sollte, stattdessen aber die Büchse der Pandora öffnete.
Bis 1630 schien die protestantische Sache nach der Zerstörung Magdeburgs und dem Massaker an seiner Bevölkerung durch Tillys Truppen, sowie den Erfolgen Wallensteins verloren. In dieser Lage landete Gustav II. Adolf im Juni 1630 in Pommern und leitete damit die dritte Phase des Krieges ein. Er trat als Verteidiger der evangelischen Sache auf, hatte aber von Anfang an eigene, expansive Ziele (Ostseeherrschaft, territoriale Gewinne).
Am 23. Januar 1632 kam es zum Vertrag von Bärwalde. In der brandenburgischen Stadt Bärwalde, in der Neumark (heute Mieszkowice) geschlossen. Der brandenburgische Kurfürst Georg Wilhelm, über seine ältere Schwester verschwägert mit dem König von Schweden - beiläufig erwähnt, über seine eigene Frau gleichzeitig verschwägert mit Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, jenem aus Böhmen und aus der Pfalz vertriebenen sogenannten Winterkönig –, war machtlos gegenüber seinem schwedischen Schwager, der in Pommern und in der Neumark das eigentliche Sagen hatte. Jener Vertrag markiert die Geburtsstunde eines neuen Systems europäischer Machtpolitik: der systematischen, indirekten Kriegsführung durch Subsidien und Proxys, das Frankreich über fast ein Jahrhundert zur dominanten Kontinentalmacht machte und die Grundlage der modernen Realpolitik legte.
Kardinal Richelieu erkannte die Chance: Frankreich, zwar katholisch aber von habsburgischen Territorien im Süden und Osten eingekreist, brauchte einen starken Partner, der die Kaiserlichen band, ohne dass Frankreich selbst bereite jetzt offen eingreifen musste. Richelieu verfolgte hierin eine konsequente Anti-Habsburg-Politik, die das Konfessionelle völlig dem Staatsinteresse unterordnete. Der Vertrag von Bärwalde war die erste große Umsetzung dieses Prinzips – und zugleich der Prototyp eines Systems, das Frankreich bis über Regierungszeit Ludwigs XIV. hinaus perfektionieren sollte, um schließlich im Rahmen des Siebjährigen Krieges politisch und wirtschaftlich in die Knie gezwungen zu werden.
Der Vertrag wurde für Frankreich von Hercule de Charnacé und für Schweden von Gustaf Graf Horn unterzeichnet. Die wesentlichen Bestimmungen lauteten: Frankreich zahlte jährlich 400.000 Reichstaler (in zwei Raten), zunächst für fünf Jahre. Schweden verpflichtete sich, eine Armee von mindestens 30.000 Infanteristen und 6.000 Reitern im Reich zu unterhalten und gegen den Kaiser und seine Verbündeten zu führen. Gustav Adolf garantierte die freie Ausübung der katholischen Religion in eroberten Gebieten gemäß den Reichsgesetzen; Kirchen und Geistliche blieben unangetastet.
Entscheidend war die Formulierung: Kein offizielles offensives Bündnis mit Frankreich, sondern ein reines Subsidienabkommen – um französische Katholiken, den Papst und potenzielle Verbündete nicht zu provozieren. Die Subsidien deckten jedoch stets nur einen Teil der tatsächlichen Kosten; Schweden blieb auf Kontributionen aus den besetzten Gebieten angewiesen, was auch unter den Protestanten bald zu Widerständen führte. Auch blieb Schweden hierdurch von Frankreich indirekt steuerbar.
Die unmittelbaren militärischen Folgen waren spektakulär: Gustav Adolf konnte tief nach Süddeutschland vordringen, Tilly bei Breitenfeld (17. September 1631) vernichtend schlagen und weite Teile Mitteldeutschlands und Süddeutschlands (einschließlich Mainz) erobern. Der Vertrag verlängerte und intensivierte den Krieg, schwächte die Habsburger massiv und schuf die Voraussetzungen für den französischen Kriegseintritt 1635.
Die historische Bedeutung des Vertrags liegt in seinem Systemcharakter.
Richelieu schuf ein Modell indirekter Machtprojektion: Subsidien statt eigener Truppen – minimale eigene Verluste, maximale Wirkung. Dosierte Zahlungen, die den Partner abhängig machten, ohne ihn unabhängig werden zu lassen. Realpolitisches Kalkül, statt konfessioneller Bindungen.
Nach Gustav Adolfs Tod 1632 bei Lützen, führte Axel Oxenstierna die Allianz fort; der Heilbronner Bund 1633 erneuerte und erweiterte sie. Frankreich hielt Schweden durch fortlaufende (oft verspätete) Zahlungen im Krieg und weiter abhängig. Dieses System überdauerte den Westfälischen Frieden 1648: Frankreich erzielte territoriale Gewinne (Elsass, Metz, Toul, Verdun) und etablierte sich als neue Hegemonialmacht.
Unter Mazarin und Ludwig XIV. wurde das Modell zur Staatsdoktrin. Schweden blieb über Jahrzehnte das wichtigste nordeuropäische Werkzeug:
1660er–1670er: Subsidien zur Neutralisierung Brandenburg-Preußens.
Holländischer Krieg (1672–1679): Massive Zahlungen, damit Schweden Brandenburg angreift (Fehrbellin 1675).
Reunionspolitik und Pfälzischer Erbfolgekrieg: Subsidien zur Absicherung französischer Annexionspolitik.
Spanischer Erbfolgekrieg (1701–1714): Indirekte Unterstützung, während Schweden im Nordischen Krieg gebunden war.
Frankreich zahlte gerade genug, um Schweden großmachtfähig, aber abhängig zu halten. Das System ermöglichte Ludwig XIV. eine nahezu ein Jahrhundert währende Hegemonie, bis Schwedens Niederlage im Großen Nordischen Krieg (1721) es beendete.
Der Vertrag von Bärwalde darf als wegweisender Systemwechsel gelten: Er ersetzte konfessionelle motivierte Politik durch rationale, säkulare Machtprojektion und legte die Grundlage für die klassische europäische Kabinettsdiplomatie. Ohne dieses Modell hätte Frankreich weder den Dreißigjährigen Krieg noch die folgenden Konflikte so erfolgreich gestalten können.«
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Quelle: https://www.facebook.com/share/p/17uM8GXy9H/
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
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Kommentar von mir:
Interessanter Beitrag. Wobei man anmerken muss, dass die Zerstörung Magdeburgs 1631 war und die Magdeburger bei der Belagerung auf die heranrückenden Schweden gewartet hatten. Zu spät...
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23. Januar 1631 - Vertrag von Bärwalde
Moderator: Barbarossa
- Barbarossa
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In der weiteren Folge haben die Schweden + Verbündete bei Nördlingen 1634 eine schwere Niederlage eingefangen, in deren Folge sich der Heilbronner Bund dann auflöste.
Frankreich "Sponserte" dann das Heer Bernhards von Weimar 1635-39 um es nach dem Tod Bernhards direkt zu übernehmen.
Die Jahre bis 1648 waren dann die schrecklichsten Jahre des 30-jährigen Krieges für Südwestdeutschland.
Frankreich "Sponserte" dann das Heer Bernhards von Weimar 1635-39 um es nach dem Tod Bernhards direkt zu übernehmen.
Die Jahre bis 1648 waren dann die schrecklichsten Jahre des 30-jährigen Krieges für Südwestdeutschland.
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