Textzitat in voller Länge:
„Die Mutter Europas stirbt: Wilhelm II. am Sterbebett Queen Victorias
Königin Victoria von Großbritannien starb am 22. Januar 1901 im Alter von 81 Jahren auf Osborne House auf der Isle of Wight, an der Südküste Englands. Sie war seit 1837 Monarchin und die längste regierende britische Herrscherin ihrer Zeit.
Kaiser Wilhelm II., ihr ältester Enkel (Sohn ihrer ältesten Tochter Victoria, Prinzessin Royal), spielte in ihren letzten Stunden eine bemerkenswerte und emotional aufgeladene Rolle.
Als Victoria im Januar 1901 schwer erkrankte – durch eine Serie kleiner Schlaganfälle, erschwert durch altersbedingte Schwäche und Rheuma – wurde Wilhelm sofort benachrichtigt. Trotz der angespannten politischen Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich – der Burenkrieg hatte antibritische Stimmungen in Deutschland geschürt – reiste er unverzüglich nach England.
Der Kaiser verließ Berlin noch in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1901. Er nutzte einen Sonderzug, der ihn durch Deutschland und die Niederlande direkt nach Vlissingen brachte. Dort traf er am Morgen des 20. Januar gegen 8:20 Uhr ein. Von Vlissingen aus überquerte er den Ärmelkanal mit einem Dampfer der regulären Postschiffverbindung und landete in England – wahrscheinlich in Queenborough oder am Pier von Port Victoria auf der Isle of Sheppey in Kent. Von dort fuhr er mit einem weiteren Sonderzug weiter über Portsmouth und per Fähre zur Isle of Wight. Er erreichte Osborne House am Abend des 20. Januar – noch rechtzeitig, um die letzten Tage seiner Großmutter mitzuerleben.
Er blieb bis zu ihrem Tod an ihrem Sterbebett. Zeitgenössische Berichte beschreiben, dass er ihre Hand hielt, sie in den letzten Momenten stützte, um ihr das Atmen zu erleichtern und ihr Trost spendete. Victoria erkannte ihn noch und soll ihn zärtlich „mein lieber Willy“ genannt haben. Wilhelm war einer der wenigen Familienmitglieder, die bis zum Schluss bei ihr waren – neben ihrem Sohn, dem späteren König Edward VII., und anderen engen Verwandten.
Am Sterbebett trug Kaiser Wilhelm II. die Uniform eines britischen Admiral of the Fleet (Ehrenadmiral der Royal Navy). Queen Victoria hatte ihm diesen Rang 1889 verliehen, und er trug diese dunkelblaue Uniform mit den entsprechenden Insignien stolz bei Besuchen in England. Zeitgenössische Schilderungen und spätere künstlerische Darstellungen betonen diese britische Ehrenuniform als Symbol seiner familiären Verbundenheit und seiner Bewunderung für die Royal Navy – ein Kontrast zu den politischen Spannungen.
Nach ihrem Tod blieb Wilhelm in England und nahm an den Trauerfeierlichkeiten teil. Er marschierte in Uniform hinter dem Sarg seiner Großmutter durch London und zeigte sich öffentlich tief betroffen.
Victorias globale Wirkung und Einfluss
Das viktorianische Zeitalter war der Höhepunkt des Britischen Empires. Unter Victorias Herrschaft erreichte das Empire seine größte Ausdehnung: Es umfasste ein Viertel der Erdoberfläche und der Weltbevölkerung. Britische Handel, Industrie, Technologie und Kultur prägten die Welt – von Eisenbahnen und Dampfschifffahrt bis zu parlamentarischen Institutionen, die in Kolonien und Dominions übernommen wurden. Victoria wurde zur Symbolfigur eines Zeitalters des Fortschritts, aber auch des Imperialismus. Ihr Einfluss reichte von Indien (wo sie 1876 den Titel „Kaiserin von Indien“ annahm) über Afrika und Australien bis nach Kanada. Global stand sie für Stabilität, Moral und bürgerliche Werte, die das 19. Jahrhundert prägten.
Einfluss auf das politische Gleichgewicht in Europa
Durch ihre neun Kinder und 42 Enkel – die in fast alle europäischen Herrscherhäuser einheirateten – wurde Victoria zur „Großmutter Europas“. Diese dynastischen Verbindungen schufen ein Netz familiärer Beziehungen, das lange Zeit als stabilisierend galt und Konflikte durch persönliche Diplomatie mildern sollte.
Allerdings hielt dieses Netz in hohem Maße durch Victoria selbst als zentrale Klammer zusammen. Sie agierte zeitlebens als Matrone der gesamten Familie: Durch ausführliche Korrespondenz, häufige Besuche, Ratschläge und gelegentliche Einmischung in dynastische Angelegenheiten wahrte sie die Einheit und den Zusammenhalt. Viele ihrer Nachkommen sahen in ihr die oberste Autorität in familiären Fragen; sie war die gemeinsame Vorfahrin und moralische Instanz. Nach ihrem Tod 1901 verlor das Netz rasch an Kohäsion – die persönlichen Bande konnten die wachsenden nationalen und imperialen Spannungen nicht mehr überbrücken.
Gleichzeitig trug die Verbreitung der Hämophilie („Bluterkrankheit“) durch Victorias Gene tragische Folgen in mehreren Dynastien.
Politisch markierte ihr Tod einen Wendepunkt. Das europäische Gleichgewicht, das seit dem Wiener Kongress 1815 auf dem Konzert der Großmächte beruhte, begann zu bröckeln. Das viktorianische Großbritannien hatte sich lange in „splendid isolation“ gehalten – es vermied feste Bündnisse und balancierte ja spielte die europäischen Mächte aus.
Mit Victorias Tod und dem Regierungsantritt Edwards VII. änderte sich dies schrittweise: Großbritannien näherte sich erstmals Frankreich (Entente cordiale 1904) und später Russland an, um dem aufstrebenden Deutschen Reich entgegenzuwirken. Ein völliger Wechsel der Machtblöcke zementierte sich.
Die politische Situation zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Um die Jahrhundertwende standen das Deutsche Reich und Großbritannien in einer Phase wachsender Rivalität. Das 1871 gegründete Deutsche Reich unter Bismarck hatte sich unerwartet zur stärksten kontinentalen Macht entwickelt. Unter Wilhelm II., der 1888 den Thron bestiegen und 1890 Bismarck entlassen hatte, verfolgte das Reich eine ambitionierte „Weltpolitik“: Flottenbau, Kolonialerwerb und wirtschaftliche Expansion.
Der Burenkrieg (1899–1902) verschärfte die Spannungen massiv. Großbritannien kämpfte gegen die Burenrepubliken in Südafrika; in Deutschland löste der Krieg starke antibritische Stimmungen aus. Wilhelm II. hatte bereits 1896 mit der „Krüger-Depesche“ – einem Glückwunschtelegramm an Burenpräsident Kruger nach der Abwehr eines britischen Raids – für Empörung in London gesorgt. Viele Briten sahen darin eine Einmischung in ihre imperialen Angelegenheiten.
Ab 1898 begann schließlich das deutsch-britische Flottenwettrüsten. Wilhelm II. bewunderte die britische Marine und wollte eine eigene Hochseeflotte aufbauen, um Weltgeltung zu erlangen. Die deutschen Flottengesetze von 1898 und 1900 wurden in Großbritannien als direkte Bedrohung wahrgenommen. Victorias Tod fiel genau in diese Phase der Entfremdung – die familiären Bande, die Wilhelm am Sterbebett so eindrucksvoll zeigte, konnten die politische Drift nicht aufhalten. Nur wenige Jahre später führte die wachsende Rivalität zur Bildung gegnerischer Bündnissysteme, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündeten.
Der Tod Königin Victorias markierte das Ende des viktorianischen Zeitalters. Kaiser Wilhelm II. zeigte in diesen Stunden eine selten gesehene menschliche Seite: als liebender Enkel, der persönliche Gefühle über politische Ressentiments stellte. Gleichzeitig unterstrich das Ereignis die Tragik der europäischen Dynastien: Die familiären Verbindungen, die Victoria geschaffen hatte, konnten die aufkommenden nationalen und imperialen Konflikte nicht mehr überbrücken. Die Szene am Sterbebett bleibt eine weitestgehend unumstritten positive Erinnerung an Wilhelm und ein bewegendes Zeugnis dafür, dass familiäre Bindungen selbst in Zeiten nationaler Konflikte eine versöhnende Kraft entfalten können.“
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1A4SVAgifP/
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Das Ende des Victorianischen Zeitalters
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