Willkommen in unserem Forum! Möchten Sie an den Diskussionen teilnehmen? Dann senden Sie uns eine E-Mail mit Ihrem gewünschten Nutzernamen an geschichte.wissen@gmail.com. Wir werden Ihren Account einrichten.

17. Dezember 1890 - Abschied vom Humboldt’schen Geist

Versailles, 1871, Bismarck, Deutsches Reich, Wilhelm I

Moderator: Barbarossa

Benutzeravatar
Barbarossa
Mitglied
Beiträge: 15583
Registriert: 09.07.2008, 16:46
Wohnort: Mark Brandenburg

Textzitat in voller Länge:
»„Wir müssen junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.“
— Kaiser Wilhelm II.,

Heute vor exakt 135 Jahren endete die von Wilhelm II. einberufene preußische Schulkonferenz – die als „Dezember-Konferenz“ in die Geschichte einging. Was als bildungspolitische Reform begann, war im Kern ein kulturkämpferischer Akt: Der junge Monarch forderte den Bruch mit dem neuhumanistischen Ideal. Er wollte pragmatische, an die Bedürfnisse der Zeit angepasste Schulbildung, und er wollte den treuen Staatsbürger in den Schulen herangezogen wissen. Hierin sah er das effizienteste Mittel im Kampf gegen die „sozialistischen Umtriebe“.

Wilhelm II., der die Konferenz gegen den Widerstand des hochkonservativen preußischen Kultusministers Gustav Konrad Heinrich von Goßler durchsetzte, eröffnete sie persönlich. Er sprach nicht allein als Landesvater, sondern als ehemaliger Abiturient: geprägt von der Rigidität und „Lebensfremdheit“, die er während seiner eigenen Schulzeit am Kasseler Friedrichsgymnasium erlebt hatte, machte er aus seiner Aversion gegen die „Philologenherrschaft“ keinen Hehl.

Sein Diktum hallte auch am Abschlusstag der Konferenz nach: Man solle „nationale junge Deutsche“ formen, so der genaue Wortlaut, keine Weltbürger der Antike. Der Satz ist mehr als ein Aphorismus; er ist das Destillat einer Epoche, die begann, das Nützliche über das Erhabene zu stellen.

Die Analyse dieses 17. Dezembers offenbart den fundamentalen Konflikt des späten 19. Jahrhunderts: Auf der einen Seite die alte, gelehrt-bürgerliche Elite, die im Lateinischen und Griechischen nicht nur Vokabeln, sondern eine Charakterschule sah. Auf der anderen Seite der wilhelminische Modernismus, der nach Ingenieuren, Beamten und patriotisch gefestigten Untertanen verlangte. Wilhelm II. verabscheute das „Lernen für die Schule“; er wollte ein Lernen für das Leben und dahingehend für den Staat. Für ihn sollte die Schule der Ort des Kampfes gegen die „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie und für den Platz an der Sonne sein.

Das Ergebnis der Konferenz war eine Abkehr von der Ästhetik hin zur Pragmatik. Der Deutschunterricht, die vaterländische Geschichte, Naturwissenschaften und moderne Fremdsprachen gewannen an Boden, während das Lateinische seinen Hegemonialstatus verlor. Man darf dies durchaus als notwendige Modernisierung begreifen – Preußen war 1890 ein Industriestaat auf höchstem Weltniveau und keine antike Polis, wo auf den öffentlichen Plätzen philosophiert wurde.

Doch der Preis war hoch. Mit dem 17. Dezember 1890 begann der schleichende Prozess, Bildung zunehmend als Ausbildung zu definieren. Der Geist von 1810, der auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit setzte, wich dem Geist von 1890, der die funktionale Verwertbarkeit des Individuums im nationalen und wirtschaftlichen Kollektiv suchte. Wenn wir heute, 135 Jahre später, auf dieses Jubiläum blicken, sehen wir den Moment, an dem Preußen aufhörte seine Jugend geistig zu „bilden“, sondern zu „rüsten“ für den Bedarf des Staates und die Industrie. Es war der Sieg des Realismus über den Idealismus – ein Sieg, der den kulturellen Resonanzraum Deutschlands nachhaltig verengen sollte.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1DGpjNyRqm/
Mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
Die Diskussion ist eröffnet!

Jedes Forum lebt erst, wenn Viele mitdiskutieren.
Schreib auch du deine Meinung! Nur kurz registrieren und los gehts! ;-)
Marianne E.
Mitglied
Beiträge: 1974
Registriert: 13.04.2019, 16:51

Aus Zeitgründen schon einmal eine ganz schnelle Antwort:

Nicht Preußen hörte auf, seine Jugend geistig zu bilden, das waren die Elternhäuser.
Und nicht Preußen allein begann damit, seine Jugend zu rüsten. Dazu brauchte es die Elternhäuser.

Und heute: Viele, viel zu viele Eltern glauben oder wollen glauben, dass ihre Kinder die Bildung in der Schule bekommen.
Was für ein Irrsinn, was für eine Ignoranz, was für ein Unwissen.
repo
Mitglied
Beiträge: 210
Registriert: 27.03.2025, 07:27

Es wird fast 60 Jahre her sein, als ein promovierter Ober? Studienrat vor einer Klasse seinen Frust über das immer noch geltende Humboldtsche Bildungsideal hinaus schimpfte.
Alle soll er zu "kleinen" Universalgenies machen....

Man brauche dringend eine Bildungsreform.
Man müsse unbedingt endlich einen "Bundeskultusminister" haben
usw. usf....
In der Klasse saß unter ca. 40 anderen der kleine Repo und dachte was will der eigentlich....

In den 6 Jahrzehnten seither ist so manche Bildungsreform den Neckar und die Donau hinuntergeschwemmt worden, den Bundesbildungsminister gibt es noch immer nicht,
ABER:
Der Ministerpräsident in BW ist von Beruf Pädagoge, derzeit versuchen sie beinahe verzweifelt herausfinden, wie es geschehen konnte, dass ein halbes Jahrzehnt lang Jahr für Jahr 2.500 Lehrerstellen "versehentlich" nicht besetzt wurden....
Wetten, dass man es nicht schafft?
Nicht die Stellen zu besetzen, nein, die Ursachen dieses Skandals zu finden.

Die Ergebnisse der "Pisa"-Tests werden vorsichtshalber gleich gar nicht mehr publiziert......
Sie sind so was von ab geknackt. Diese Ergebnisse.

Tja, wer weiß da Antworten.
repo
Mitglied
Beiträge: 210
Registriert: 27.03.2025, 07:27

repo hat geschrieben: 18.12.2025, 15:31 Es wird fast 60 Jahre her sein, als ein promovierter Ober? Studienrat vor einer Klasse seinen Frust über das immer noch geltende Humboldtsche Bildungsideal hinaus schimpfte.
Alle soll er zu "kleinen" Universalgenies machen....
./.
Der Ministerpräsident in BW ist von Beruf Pädagoge, derzeit versuchen sie beinahe verzweifelt herausfinden, wie es geschehen konnte, dass ein halbes Jahrzehnt lang Jahr für Jahr 2.500 Lehrerstellen "versehentlich" nicht besetzt wurden....
Wetten, dass man es nicht schafft?
Nicht die Stellen zu besetzen, nein, die Ursachen dieses Skandals zu finden.

Die Ergebnisse der "Pisa"-Tests werden vorsichtshalber gleich gar nicht mehr publiziert......
Sie sind so was von ab geknackt. Diese Ergebnisse.

Tja, wer weiß da Antworten.
Mit anderen Worten, die Pisa-Tests sind z. Zt. halt nicht die Sau, die durchs Dorf getrieben wird.
Kein Medieninteresse....

Und den Humboldt kennt sowieso "keine Sau" mehr.
Antworten
  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag

Zurück zu „Das deutsche Kaiserreich“