Vorab eine kurze Anmerkung.
Der folgende Text ist wiederum ein Zitat mit Quelle von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤 in voller Länge.
So wie im Text beschrieben habe ich das auch noch nicht gesehen.
Aber ich weiß natürlich, dass die Euphorie in der Bevölkerung über die Reichseinigung damals sehr groß war.
Um so mehr sehe ich mich beim Lesen des Artikels darin bestätigt, dass ich den 18. Januar 1871 im Jahre 2021 mit einem Glas Sekt gefeiert habe.
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Aber:
Ich habe jetzt selbst etwas recherchiert. Andere scheinen etwas anderer Meinung zu sein. Zitat:
„Im Kaiserreich wurde S. allgemein als personifizierter Vermittler und Brückenbauer des (national)liberalen Bürgertums zwischen der Revolution von 1848 und der Reichsgründung von 1871 stilisiert und erhielt zahlreiche Ehrungen."
Quelle:
https://frankfurter-personenlexikon.de/node/4933
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Hier wird von Stilisierung gesprochen. Es lohnt sich sicher, das Thema weiter auszudiskutieren.
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Hier nun der Text in voller Länge:
»18. Dezember 1870 – Die Kaiserkrone: Volkes Wille statt Fürstengnade
Bis heute hält sich hartnäckig das Bild, das Deutsche Reich sei im Januar 1871 ein reines „Geschenk der Fürsten“ gewesen, eine Kabinettsgeburt bismarckscher Diplomatie.
Wir wollen heute am gängigen Narrativ rütteln.
Am 18. Dezember 1870, kurz bevor der preußische König Wilhelm I. für wenige Tage die nahegelegene Front verlassen und anlässlich der Weihnachtsfeiertage nach Berlin reisen würde, erschien eine Abordnung des Norddeutschen Reichstages in Versailles:
Was sie mit sich führten war nichts weniger als die Kaiserwürde. Es folgte eine der erfolgreichsten Inszenierungen der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung: der Mythos, das Zweite Reich sei ausschließlich „von oben“ geschmiedet worden, ein Werk der Monarchen und der Armee. Doch wer heute, am Jahrestag des 18. Dezember 1870, genau hinsieht, erkennt die Risse im Fundament.
An der Spitze der „Kaiserdeputation“ stand Eduard von Simson. Die Szenerie glich einem historischen Déjà-vu, hatte doch derselbe Simson bereits 1849 in der Paulskirche damals die Kaiserkrone dem verstorbenen Bruder Wilhelms I. angeboten – vergeblich, wie wir wissen. Dass er als Vertreter des Parlaments nun, 21 Jahre später, erneut vor einem Hohenzollern stand, ist weit mehr als eine historische Anekdote. Es ist ein Nachweis, dass die Reichsgründung nicht ein von den Dynasten des Reichs initiierter Akt war, sondern die faktische Erfüllung einer bürgerlich-parlamentarischen Forderung.
Parlamentarische Beschlüsse
Wesentlich für die Reichsgründung und Kaiserkrone waren die Reichstagsbeschlüsse des Norddeutschen Bundes vom 9. und 10. Dezember 1870
9. Dezember 1870: Der Reichstag nahm in der dritten Lesung die Änderung der Verfassung an und beschloss die Aufnahme der Begriffe „Deutsches Reich“ und „Deutscher Kaiser“.
10. Dezember 1870: Am Folgetag debattierte und beschloss der Reichstag die sogenannte „Adresse“ an den König (auf Antrag von Lasker und Bennigsen). Das war der entscheidende politische Akt – die offizielle Bitte der Volksvertretung an den Monarchen, die Krone des Reichs anzunehmen.
Das heute oft kolportierte Narrativ, die deutschen Fürsten hätten Wilhelm I. die Krone aus freien Stücken angetragen, ist im Grunde eine politische Fiktion – virtuos orchestriert von Otto von Bismarck. Der Kanzler wusste: Ohne die demokratische Legitimation des Reichstages und die nationale Begeisterung des Volkes war das neue Deutschland nicht denkbar und auch nicht dauerhaft zu stabilisieren. Doch ohne die monarchische Fassade würde Wilhelm I., im Herzen nur Preuße, die Würde niemals akzeptieren.
Der berühmte „Kaiserbrief“ des bayrischen Königs Ludwigs II., der den König von Preußen scheinbar im Namen der Fürsten bat, das Präsidium des Bundes mit dem Kaisertitel zu führen, war das diplomatische Feigenblatt, das die eigentliche Triebfeder verdeckte. Denn es war der Reichstag, der bereits am 10. Dezember mit überwältigender Mehrheit (188 zu 6 Stimmen, bei Fernbleiben oppositioneller Gruppen) beschlossen hatte, den König zu bitten, die Kaiserkrone anzunehmen. Die Initiative ging damit vom Volk – repräsentiert durch das Parlament – aus. Die Fürsten reagierten lediglich auf diesen Druck oder ließen sich von Bismarck in diese Rolle fügen.
Der Empfang am 18. Dezember war somit der Moment der Wahrheit, den Wilhelm I. nur schwer ertrug. Er empfing die Deputation kühl, fast widerwillig. Er spürte genau, dass die Machtbasis seines neuen Titels eben nicht im Gottesgnadentum der alten Dynastien wurzelte, sondern im Mandat der Nation. Dass die Geschichtsschreibung späterer Jahre den 18. Januar, die Proklamation im Spiegelsaal, so überhöhte und den 18. Dezember bzw. den eigentlichen Rechtsakt vor den Parlamentariern (9./10. Dezember) in den Schatten stellte, war Teil einer gezielten Umdeutung, der auch heute noch „gute“ Dienste leistet, denn es hilft das Kaiserreich als von den Fürsten kommend und damit undemokratisch geboren, zu delegitimieren.
Man wollte vergessen machen, dass der Kaiserthron auch 1870 auf dem Fundament von 1848/49 stand, auf dem Willen des Volkes. Das Reich war längst eine konstitutionelle Notwendigkeit, keine fürstliche Großzügigkeit.
Der heutige Jahrestag erinnert uns daran: Der Vater des Gedankens war das Parlament und die Mutter das Volk.«
Quelle:
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Mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤