Das ist natürlich richtig. Aber hier ging es ja um den Mißbrauch einer historischen Figur durch ein totalitäres Regime, das 200 Jahre später existierte und sich mit dieser Figur schmücken wollte in dem es versuchte, einen direkte Traditionslinie dazu herzustellen, was natürlich völliger Unfug war.dieter hat geschrieben:Lieber Barbarossa,
das sind verschiedene Zeiten, die man nicht miteinander vergleichen kann.
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Friedrich II. "der Große" von Preußen
Moderator: Barbarossa
- Barbarossa
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Lieber Barbarossa,Barbarossa hat geschrieben:Das ist natürlich richtig. Aber hier ging es ja um den Mißbrauch einer historischen Figur durch ein totalitäres Regime, das 200 Jahre später existierte und sich mit dieser Figur schmücken wollte in dem es versuchte, einen direkte Traditionslinie dazu herzustellen, was natürlich völliger Unfug war.dieter hat geschrieben:Lieber Barbarossa,
das sind verschiedene Zeiten, die man nicht miteinander vergleichen kann.
Hitler war ein Spinner und irgendwas muß er ja haben, woran er sich geistig festhalten konnte.
Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
Lieber Conzaliss,
er war nicht psychisch krank, sondern hatte nur Ideen, die von den meisten Leuten nicht geteilt wurden. Ein typischer Halbgebildeter, der sich immer das raussuchte, was zu seinen Ansichten passte.
er war nicht psychisch krank, sondern hatte nur Ideen, die von den meisten Leuten nicht geteilt wurden. Ein typischer Halbgebildeter, der sich immer das raussuchte, was zu seinen Ansichten passte.
Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.
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Katarina Ke
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Friedrich II. - ein schier unerschöpfliches Thema.
Der preußische König wollte die Machtstellung Preußens innerhalb des Heiligen Römischen Reiches ausbauen. Im Gegensatz zu seinem Vater sah er sich in erster Linie als preußischer Souverän und nicht als Reichsfürst. Die Eroberung Schlesiens führte Preußen in den Kreis der europäischen Großmächte.
Schon nach dem Zweiten Schlesischen Krieg 1744/45 wurde er "der Große" genannt. Historischen Ruhm erwarb er sich im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763). Er konnte sich behaupten, weil Rußland 1762 aus dem Krieg ausschied. Friedrichs Wille zum Durchhalten, seine Fähigkeiten als Truppenführer und die herausragende Feldherrnkunst seines Bruders Heinrich trugen ebenfalls dazu bei, das junge Königreich zu retten.
Als Truppenführer ist er nicht unumstritten: Friedrich verlor die Schlacht bei Kolin im Sommer 1757 gegen die Österreicher, weil er zu ungestüm angriff. Wenige Monate später errang er bei Leuthen einen wichtigen Sieg, weil er bewusst ein hohes Risiko einging.
Für mich ist Friedrich eine interessante Herrschergestalt, die man jedoch nicht überschätzen sollte.
Er war ein Mensch des 18. Jahrhunderts, sprach besser französisch als deutsch und hatte mit dem gemeinen Volk nicht viel zu tun (was normal war für einen Fürsten in jener Zeit).
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert idealisierte man ihn zum deutschen König. Gerade das war er meines Wissens nicht.
Der Kölner Historiker Theodor Schieder hat ihn zu Beginn der achtziger Jahre treffend beschrieben: Theodor Schieder, Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt/M, Berlin, Wien 1983.
Der preußische König wollte die Machtstellung Preußens innerhalb des Heiligen Römischen Reiches ausbauen. Im Gegensatz zu seinem Vater sah er sich in erster Linie als preußischer Souverän und nicht als Reichsfürst. Die Eroberung Schlesiens führte Preußen in den Kreis der europäischen Großmächte.
Schon nach dem Zweiten Schlesischen Krieg 1744/45 wurde er "der Große" genannt. Historischen Ruhm erwarb er sich im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763). Er konnte sich behaupten, weil Rußland 1762 aus dem Krieg ausschied. Friedrichs Wille zum Durchhalten, seine Fähigkeiten als Truppenführer und die herausragende Feldherrnkunst seines Bruders Heinrich trugen ebenfalls dazu bei, das junge Königreich zu retten.
Als Truppenführer ist er nicht unumstritten: Friedrich verlor die Schlacht bei Kolin im Sommer 1757 gegen die Österreicher, weil er zu ungestüm angriff. Wenige Monate später errang er bei Leuthen einen wichtigen Sieg, weil er bewusst ein hohes Risiko einging.
Für mich ist Friedrich eine interessante Herrschergestalt, die man jedoch nicht überschätzen sollte.
Er war ein Mensch des 18. Jahrhunderts, sprach besser französisch als deutsch und hatte mit dem gemeinen Volk nicht viel zu tun (was normal war für einen Fürsten in jener Zeit).
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert idealisierte man ihn zum deutschen König. Gerade das war er meines Wissens nicht.
Der Kölner Historiker Theodor Schieder hat ihn zu Beginn der achtziger Jahre treffend beschrieben: Theodor Schieder, Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche, Frankfurt/M, Berlin, Wien 1983.
Geschichte sollte so geschrieben werden, wie man eine Geschichte erzählt - lebendig und an den Fakten orientiert. Meine Homepage: http://www.katharinakellmann-historikerin.de/
- Barbarossa
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Im Folgenden noch eine weitere Einschätzung als vollständiges Textzitat:
.
»Friedrich der Große – Dämon oder Lichtgestalt?
Sonntag, 24. Januar 1712
König Friedrich I. war vor Freude „so sehr alteriert, dass er mit Tränen in den Augen sich alsbald zur Kronprinzessin herübertragen ließ und hernachmals nichts essen konnte.“
Der bereits schwer an Wassersucht leidende erste preußische König war außer sich: Kurz vor Mittag hatte Kronprinzessin Sophie Dorothea, eine welfische Prinzessin aus dem Hause Hannover, ihrem Gemahl, Kronprinz Friedrich Wilhelm, einen gesunden Sohn geboren. „Krohn Princes und mein Enckel recht wol befindet“, „brav krakeelt und ist recht fet und frisch…“, verkündete der Großvater stolz den Anwesenden im Berliner Schloss.
Der neugeborene Hohenzollern-Spross erhielt den Namen Friedrich nach seinem Großvater, dem König. Seine Taufe erfolgte eine Woche später, am 31. Januar 1712. Taufpaten waren Kaiser Karl VI., Zar Peter der Große, die holländischen Generalstaaten, die Schweizer Kantone sowie der Onkel, Kurfürst Georg Ludwig von Hannover, der spätere König Georg I. von Großbritannien.
Als Friedrich II. bestieg er 1740 den Thron Preußens und führte das Königreich ins Konzert der europäischen Großmächte. Bis heute scheiden sich die Geister an diesem Herrscher – von abgöttischer Verehrung bis zu irrationaler Verachtung. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit.
Eine nüchterne Betrachtung zeigt vor allem eines: Opportunismus und ein Gespür für das Erreichbare waren seine größte Stärke.
Friedrich wuchs bei wesensungleichen Eltern auf. Das Verhältnis zu seinem Vater Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“, wurde in den späten Jugendjahren konfliktgeladen: Der Kronprinz neigte zu französischer Literatur, Musik und Philosophie, der Vater forderte Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Sparsamkeit. Politische Heiratspläne der Mutter, teilweise hinter dem Rücken des Königs, verschärften die Spannungen. Ein ernsthaft geplanter Fluchtversuch Friedrichs 1730 mit Hans Hermann von Katte endete tragisch: Katte wurde auf Geheiß des Königs hingerichtet, Friedrich zeitweise inhaftiert. Diese Erfahrungen prägten ihn, doch weit weniger nachhaltig, als oft behauptet; viele seiner späteren Maßnahmen waren Fortsetzung oder Vollendung dessen, was der Vater begonnen hatte.
Ende Mai 1740 übernahm er die Regierung, doch die Welt erfuhr rasch, dass in Berlin und Potsdam kein Philosoph, sondern ein kalter Machtpolitiker regierte. Nicht mehr ein mitunter jähzorniger aber friedlicher Wüterich, sondern ein Monarch, der sofort die Schwäche Österreichs nach dem Tod Karls VI. ausnutzte. Ohne Kriegserklärung marschierte er in Schlesien ein – ein Eroberungskrieg auf Basis schwacher Erbansprüche. Sein prägendes Merkmal, der Opportunismus, zeigte sich immer wieder: Nach Erreichen seiner Ziele verließ er bei passender Gelegenheit seine Verbündeten und sicherte sich den Gewinn.
Gegenüber dem eroberten Schlesien handelte er ebenso zweckmäßig. Das Land war religiös gemischt; die habsburgische Gegenreformation hatte seit dem 17. Jahrhundert brutale Rekatholisierungswellen gebracht und eine knappe katholische Mehrheit geschaffen. Friedrich garantierte den Katholiken ihre Rechte – nicht aus prinzipieller Aufklärung, sondern aus kalkuliertem Interesse, um Widerstand zu vermeiden.
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) wurde zur existentiellen Probe: Preußen stand gegen eine Übermacht. Friedrichs taktische Meisterleistungen (Rossbach, Leuthen) schmiedeten seinen Mythos, doch das Überleben hing entscheidend vom „Wunder des Hauses Brandenburg“ ab – dem Tod der russischen Zarin Elisabeth 1762. Die drei Schlesischen Kriege verdoppelten die Bevölkerung, kosteten aber Hunderttausende Leben.
Militärisch und administrativ baute Friedrich massiv auf dem väterlichen Fundament auf: Friedrich Wilhelm I. hatte die Armee von 40.000 auf 83.000 Mann gesteigert und das Kantonssystem eingeführt; Friedrich verdoppelte sie bis 1786 auf nahezu 200.000 Mann. Auch das effiziente Generaldirektorium, die Sparpolitik und die innere Kolonisation (Moore, Oderbruch) waren im Wesentlichen Fortsetzungen der Politik des Vaters. Reformen wie die Abschaffung der Folter (1740, mit Ausnahmen) oder der Codex Fridericianus blieben oft halbherzig; Adelsprivilegien bestanden fort und wurden in der Armee sogar verstärkt.
Die kulturelle Blüte war sein klarster persönlicher Akzent: Korrespondenz mit Voltaire, Ausbau der Akademie der Wissenschaften, Bau von Sanssouci und Opernhaus. Hier brach er mit der pietistisch-sparsamen Enge des Vaters. Vieles diente jedoch der Selbstinszenierung. Sein „Anti-Machiavell“ predigte einen moralischen Fürsten, doch in der Praxis handelte er häufig machiavellistisch – der Zweck heiligte die Mittel.
Die berühmte Maxime „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ oder der Schutz ehemaliger Jesuiten (1773) waren opportun: nützlich für Integration und Schulwesen, aber mit Grenzen – Juden etwa blieben diskriminiert. Der Satz vom „ersten Diener des Staates“ (Politisches Testament 1752) klingt erhaben, doch der Vater hatte diesen Dienstgedanken asketisch vorgelebt, statt darüber zu philosophieren; bei Friedrich blieb er weitgehend programmatisch, während er zurückgezogen in Sanssouci Flöte spielte.
Friedrich starb am 17. August 1786. Sein Vermächtnis ist ambivalent: Er machte Preußen zur Großmacht, auf Kosten vieler Opfer und vor allem auf Basis väterlicher Vorarbeit. Vieles, was man ihm zuschreibt – aufgeklärter Absolutismus, Toleranz, Genialität –, ist überhöht oder gar Blendwerk eines Herrschers, der vor allem in der Ausnutzung günstiger Chancen brillierte.
War er nun Dämon oder Lichtgestalt? Er war Mensch, soviel kann gesagt sein.«
.
Quelle: https://m.facebook.com/story.php?story_ ... 4513970213
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
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»Friedrich der Große – Dämon oder Lichtgestalt?
Sonntag, 24. Januar 1712
König Friedrich I. war vor Freude „so sehr alteriert, dass er mit Tränen in den Augen sich alsbald zur Kronprinzessin herübertragen ließ und hernachmals nichts essen konnte.“
Der bereits schwer an Wassersucht leidende erste preußische König war außer sich: Kurz vor Mittag hatte Kronprinzessin Sophie Dorothea, eine welfische Prinzessin aus dem Hause Hannover, ihrem Gemahl, Kronprinz Friedrich Wilhelm, einen gesunden Sohn geboren. „Krohn Princes und mein Enckel recht wol befindet“, „brav krakeelt und ist recht fet und frisch…“, verkündete der Großvater stolz den Anwesenden im Berliner Schloss.
Der neugeborene Hohenzollern-Spross erhielt den Namen Friedrich nach seinem Großvater, dem König. Seine Taufe erfolgte eine Woche später, am 31. Januar 1712. Taufpaten waren Kaiser Karl VI., Zar Peter der Große, die holländischen Generalstaaten, die Schweizer Kantone sowie der Onkel, Kurfürst Georg Ludwig von Hannover, der spätere König Georg I. von Großbritannien.
Als Friedrich II. bestieg er 1740 den Thron Preußens und führte das Königreich ins Konzert der europäischen Großmächte. Bis heute scheiden sich die Geister an diesem Herrscher – von abgöttischer Verehrung bis zu irrationaler Verachtung. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit.
Eine nüchterne Betrachtung zeigt vor allem eines: Opportunismus und ein Gespür für das Erreichbare waren seine größte Stärke.
Friedrich wuchs bei wesensungleichen Eltern auf. Das Verhältnis zu seinem Vater Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“, wurde in den späten Jugendjahren konfliktgeladen: Der Kronprinz neigte zu französischer Literatur, Musik und Philosophie, der Vater forderte Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Sparsamkeit. Politische Heiratspläne der Mutter, teilweise hinter dem Rücken des Königs, verschärften die Spannungen. Ein ernsthaft geplanter Fluchtversuch Friedrichs 1730 mit Hans Hermann von Katte endete tragisch: Katte wurde auf Geheiß des Königs hingerichtet, Friedrich zeitweise inhaftiert. Diese Erfahrungen prägten ihn, doch weit weniger nachhaltig, als oft behauptet; viele seiner späteren Maßnahmen waren Fortsetzung oder Vollendung dessen, was der Vater begonnen hatte.
Ende Mai 1740 übernahm er die Regierung, doch die Welt erfuhr rasch, dass in Berlin und Potsdam kein Philosoph, sondern ein kalter Machtpolitiker regierte. Nicht mehr ein mitunter jähzorniger aber friedlicher Wüterich, sondern ein Monarch, der sofort die Schwäche Österreichs nach dem Tod Karls VI. ausnutzte. Ohne Kriegserklärung marschierte er in Schlesien ein – ein Eroberungskrieg auf Basis schwacher Erbansprüche. Sein prägendes Merkmal, der Opportunismus, zeigte sich immer wieder: Nach Erreichen seiner Ziele verließ er bei passender Gelegenheit seine Verbündeten und sicherte sich den Gewinn.
Gegenüber dem eroberten Schlesien handelte er ebenso zweckmäßig. Das Land war religiös gemischt; die habsburgische Gegenreformation hatte seit dem 17. Jahrhundert brutale Rekatholisierungswellen gebracht und eine knappe katholische Mehrheit geschaffen. Friedrich garantierte den Katholiken ihre Rechte – nicht aus prinzipieller Aufklärung, sondern aus kalkuliertem Interesse, um Widerstand zu vermeiden.
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) wurde zur existentiellen Probe: Preußen stand gegen eine Übermacht. Friedrichs taktische Meisterleistungen (Rossbach, Leuthen) schmiedeten seinen Mythos, doch das Überleben hing entscheidend vom „Wunder des Hauses Brandenburg“ ab – dem Tod der russischen Zarin Elisabeth 1762. Die drei Schlesischen Kriege verdoppelten die Bevölkerung, kosteten aber Hunderttausende Leben.
Militärisch und administrativ baute Friedrich massiv auf dem väterlichen Fundament auf: Friedrich Wilhelm I. hatte die Armee von 40.000 auf 83.000 Mann gesteigert und das Kantonssystem eingeführt; Friedrich verdoppelte sie bis 1786 auf nahezu 200.000 Mann. Auch das effiziente Generaldirektorium, die Sparpolitik und die innere Kolonisation (Moore, Oderbruch) waren im Wesentlichen Fortsetzungen der Politik des Vaters. Reformen wie die Abschaffung der Folter (1740, mit Ausnahmen) oder der Codex Fridericianus blieben oft halbherzig; Adelsprivilegien bestanden fort und wurden in der Armee sogar verstärkt.
Die kulturelle Blüte war sein klarster persönlicher Akzent: Korrespondenz mit Voltaire, Ausbau der Akademie der Wissenschaften, Bau von Sanssouci und Opernhaus. Hier brach er mit der pietistisch-sparsamen Enge des Vaters. Vieles diente jedoch der Selbstinszenierung. Sein „Anti-Machiavell“ predigte einen moralischen Fürsten, doch in der Praxis handelte er häufig machiavellistisch – der Zweck heiligte die Mittel.
Die berühmte Maxime „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ oder der Schutz ehemaliger Jesuiten (1773) waren opportun: nützlich für Integration und Schulwesen, aber mit Grenzen – Juden etwa blieben diskriminiert. Der Satz vom „ersten Diener des Staates“ (Politisches Testament 1752) klingt erhaben, doch der Vater hatte diesen Dienstgedanken asketisch vorgelebt, statt darüber zu philosophieren; bei Friedrich blieb er weitgehend programmatisch, während er zurückgezogen in Sanssouci Flöte spielte.
Friedrich starb am 17. August 1786. Sein Vermächtnis ist ambivalent: Er machte Preußen zur Großmacht, auf Kosten vieler Opfer und vor allem auf Basis väterlicher Vorarbeit. Vieles, was man ihm zuschreibt – aufgeklärter Absolutismus, Toleranz, Genialität –, ist überhöht oder gar Blendwerk eines Herrschers, der vor allem in der Ausnutzung günstiger Chancen brillierte.
War er nun Dämon oder Lichtgestalt? Er war Mensch, soviel kann gesagt sein.«
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- Barbarossa
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Textzitat in voller Länge:
»Aus dem König in Preußen wird der König von Preußen
Am 31. Januar 1773 gründete Friedrich der Große die Provinz Westpreußen. Diesem Akt war am 5. August 1772 der Vertrag von Sankt Petersburg vorausgegangen, der die Erste Polnische Teilung besiegelte. Erstmals wurde damit das preußische Kernland über die Neumark und Hinterpommern durch die westpreußische Landbrücke direkt mit Ostpreußen verbunden, dem Ursprung des Königtums.
Mit der Annexion des königlich-polnischen Teils Preußens vollzog sich auch der staatsrechtlich bedeutende Wechsel: Aus dem „König in Preußen“ wurde nun der „König von Preußen“, gleichwohl der Unterschied bereits davor kaum mehr eine Rolle gespielt hatte und von König Friedrich I. hauptsächlich mit Rücksicht auf polnische Bedenken 1701 bewusst so gewählt wurde.
Der Verfall Polen-Litauens
Zur Ersten Polnischen Teilung und der Annexion des königlichen Preußen kam es infolge einer anhaltenden Schwäche des Königreichs Polen-Litauen, deren Ursprung bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts zurückreichte. Polen-Litauen war durch Kriege mit Russland (1609–1618 und 1654–1667), Schweden (1655–1660) und dem Osmanischen Reich (1672–1676) erschöpft. Diese Konflikte waren teils selbst verschuldet, oder teils Verteidigungskriege gegen Aggressoren von außen. Jeder der Konflikte führte zu territorialen Verlusten, wirtschaftlicher Zerrüttung und schweren Bevölkerungsverlusten. Hinzu kam das ineffiziente System der Adelsrepublik mit dem Liberum Veto, wodurch Entscheidungen blockiert wurden und zu einer fortschreitenden politischen Lähmung führte. Im 18. Jahrhundert nahm die Abhängigkeit von Russland stetig zu, insbesondere nach der Thronbesteigung von Stanislaus II. August Poniatowski im Jahr 1764, der von Katharina II. gefördert wurde.
Es bildete sich eine antirussische Opposition, die sogenannte Bar-Konföderation, und zu einem folgenreichen Aufstand (1768–1772), der in der weiteren Folge in den Russisch-Osmanischen Krieg (1768–1774) mündete, und Polen weiter destabilisierte. Der anti-russische Bürgerkrieg führte zur russischen Militärintervention und einer internationalen Eskalation, als russische Truppen aufständische Polen auf osmanisches Gebiet folgten.
Russlands militärische Erfolge gegen das Osmanische Reich (z. B. die Besetzung von Moldau und Walachei) bedrohten das europäische Machtgleichgewicht auf dem Balkan, insbesondere für Österreich, das jetzt mit Krieg gegen Russland drohte, um die weitere Expansion zu stoppen.
Unter diesen Bedingungen trat Friedrich der Große auf den Plan, der mit einer Teilung Polens Russlands Gewinne kompensieren wollte, indem Österreich wertvolle polnische Gebiete erhielt. Er verhinderte dadurch einen breiteren europäischen Konflikt zwischen Österreich und Russland.
Die Vermittlerrolle spielte Friedrich der Große nicht uneigennützig, selbstverständlich nicht, er spekulierte auf die Landverbindung seiner Kerngebiete mit der Provinz Ostpreußen. Österreich und Russland stimmten zu und so machten sich die drei Großmächte daran, große territoriale Teile Polen-Litauens aus dem in Agonie liegenden einstigen Riesen zu reißen.
Der Prozess begann mit der Besetzung Westpreußens durch preußische Truppen im Sommer 1772. Am 5. August 1772 unterzeichneten die drei Mächte den Vertrag von St. Petersburg, durch den Preußen etwa 34.900 Quadratkilometer mit rund 356.000 Einwohnern erhielt – einschließlich des Ermlands, aber ohne die Städte Danzig und Thorn. Österreich gewann 83.000 Quadratkilometer mit 2,65 Millionen Einwohnern (einschließlich Galizien und Teilen Kleinpolens), Russland 93.000 Quadratkilometer mit 1,3 Millionen Einwohnern (im Nordosten, einschließlich Teilen Weißrusslands und Livlands). Der polnische Sejm ratifizierte diesen Schritt unter erheblichem Druck am 30. September 1773.
Der preußische Teil mutet wenig an, besonders bezogen auf die Bevölkerung, doch hatte die erste Teilung für Preußen den günstigen Vorteil, neben der direkten Landbrücke, dass erhebliche Teile der Bevölkerung ohnehin ethnisch deutsch waren, noch dazu protestantisch. Österreich und besonders Russland hatten ganz erheblich größere Schwierigkeiten bei der Integration der sehr gemischten Bevölkerung der annektierten Gebiete.
Die Gründung Westpreußens festigte Preußens Position durch die entstandene territoriale Geschlossenheit. Sie entsprach Friedrichs Politik der rationalen Staatsführung und der wirtschaftlichen Entwicklung. Im Vergleich zu anderen Ereignissen wie der Annexion Schlesiens (1740–1742), die zum Siebenjährigen Krieg führte und das europäische Machtgefüge tief erschütterte, war dies eine auf diplomatischem Wege erzielte Expansion.
Für Polen verdeutlichte die Teilung die eigenen tiefen strukturellen Mängel und regte Reformen an, wie den Vierjährigen Sejm und die Verfassung von 1791, doch es war zu spät. Das Jahr 1773 markierte den ersten Schritt eines Prozesses, an dessen Ende die völlige Auflösung des polnischen Staates stand.
Schon kurzfristig führte die Gründung Westpreußens, das traditionell starke deutschsprachige Bevölkerungsteile hatte, zu umfassenden wirtschaftlichen Maßnahmen, darunter weitere deutsche Kolonisation, Landverbesserungen und der Ausbau der Infrastruktur. Preußen integrierte eine multiethnische, multikonfessionelle Bevölkerung, was zwar Spannungen erzeugte, aber auch durch die rasch eintretenden Modernisierungen Stabilität brachte. In den preußisch annektierten Gebieten Polens war nach einigen Generationen die Alphabetisierungsrate die höchste aller ehemals polnischen Gebiete.
Polen verlor mit der ersten Teilung bereits ein Viertel seines Territoriums und ein Drittel seiner Bevölkerung, was den Weg zu den weiteren Teilungen 1793 und 1795 ebnete und den Staat schließlich bis 1918 von der Landkarte verschwinden ließ. Langfristig förderten die unrechtmäßigen Teilungen den polnischen Nationalismus und führte zu Aufständen, besonders in den russisch annektierten Teilen, wie jenem von Kościuszko im Jahr 1794.
Nachtrag: Es wird dringend darum ersucht, den Artikel nicht für Ideologie oder nationalistische Tiraden zu missbrauchen.
Zweck des Beitrags ist es, den Vorgang zu skizzieren. Inhaltliche Mängel dürfen, ja sollen Sie kommentieren, korrigieren oder Fehlendes ergänzen.«
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»Aus dem König in Preußen wird der König von Preußen
Am 31. Januar 1773 gründete Friedrich der Große die Provinz Westpreußen. Diesem Akt war am 5. August 1772 der Vertrag von Sankt Petersburg vorausgegangen, der die Erste Polnische Teilung besiegelte. Erstmals wurde damit das preußische Kernland über die Neumark und Hinterpommern durch die westpreußische Landbrücke direkt mit Ostpreußen verbunden, dem Ursprung des Königtums.
Mit der Annexion des königlich-polnischen Teils Preußens vollzog sich auch der staatsrechtlich bedeutende Wechsel: Aus dem „König in Preußen“ wurde nun der „König von Preußen“, gleichwohl der Unterschied bereits davor kaum mehr eine Rolle gespielt hatte und von König Friedrich I. hauptsächlich mit Rücksicht auf polnische Bedenken 1701 bewusst so gewählt wurde.
Der Verfall Polen-Litauens
Zur Ersten Polnischen Teilung und der Annexion des königlichen Preußen kam es infolge einer anhaltenden Schwäche des Königreichs Polen-Litauen, deren Ursprung bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts zurückreichte. Polen-Litauen war durch Kriege mit Russland (1609–1618 und 1654–1667), Schweden (1655–1660) und dem Osmanischen Reich (1672–1676) erschöpft. Diese Konflikte waren teils selbst verschuldet, oder teils Verteidigungskriege gegen Aggressoren von außen. Jeder der Konflikte führte zu territorialen Verlusten, wirtschaftlicher Zerrüttung und schweren Bevölkerungsverlusten. Hinzu kam das ineffiziente System der Adelsrepublik mit dem Liberum Veto, wodurch Entscheidungen blockiert wurden und zu einer fortschreitenden politischen Lähmung führte. Im 18. Jahrhundert nahm die Abhängigkeit von Russland stetig zu, insbesondere nach der Thronbesteigung von Stanislaus II. August Poniatowski im Jahr 1764, der von Katharina II. gefördert wurde.
Es bildete sich eine antirussische Opposition, die sogenannte Bar-Konföderation, und zu einem folgenreichen Aufstand (1768–1772), der in der weiteren Folge in den Russisch-Osmanischen Krieg (1768–1774) mündete, und Polen weiter destabilisierte. Der anti-russische Bürgerkrieg führte zur russischen Militärintervention und einer internationalen Eskalation, als russische Truppen aufständische Polen auf osmanisches Gebiet folgten.
Russlands militärische Erfolge gegen das Osmanische Reich (z. B. die Besetzung von Moldau und Walachei) bedrohten das europäische Machtgleichgewicht auf dem Balkan, insbesondere für Österreich, das jetzt mit Krieg gegen Russland drohte, um die weitere Expansion zu stoppen.
Unter diesen Bedingungen trat Friedrich der Große auf den Plan, der mit einer Teilung Polens Russlands Gewinne kompensieren wollte, indem Österreich wertvolle polnische Gebiete erhielt. Er verhinderte dadurch einen breiteren europäischen Konflikt zwischen Österreich und Russland.
Die Vermittlerrolle spielte Friedrich der Große nicht uneigennützig, selbstverständlich nicht, er spekulierte auf die Landverbindung seiner Kerngebiete mit der Provinz Ostpreußen. Österreich und Russland stimmten zu und so machten sich die drei Großmächte daran, große territoriale Teile Polen-Litauens aus dem in Agonie liegenden einstigen Riesen zu reißen.
Der Prozess begann mit der Besetzung Westpreußens durch preußische Truppen im Sommer 1772. Am 5. August 1772 unterzeichneten die drei Mächte den Vertrag von St. Petersburg, durch den Preußen etwa 34.900 Quadratkilometer mit rund 356.000 Einwohnern erhielt – einschließlich des Ermlands, aber ohne die Städte Danzig und Thorn. Österreich gewann 83.000 Quadratkilometer mit 2,65 Millionen Einwohnern (einschließlich Galizien und Teilen Kleinpolens), Russland 93.000 Quadratkilometer mit 1,3 Millionen Einwohnern (im Nordosten, einschließlich Teilen Weißrusslands und Livlands). Der polnische Sejm ratifizierte diesen Schritt unter erheblichem Druck am 30. September 1773.
Der preußische Teil mutet wenig an, besonders bezogen auf die Bevölkerung, doch hatte die erste Teilung für Preußen den günstigen Vorteil, neben der direkten Landbrücke, dass erhebliche Teile der Bevölkerung ohnehin ethnisch deutsch waren, noch dazu protestantisch. Österreich und besonders Russland hatten ganz erheblich größere Schwierigkeiten bei der Integration der sehr gemischten Bevölkerung der annektierten Gebiete.
Die Gründung Westpreußens festigte Preußens Position durch die entstandene territoriale Geschlossenheit. Sie entsprach Friedrichs Politik der rationalen Staatsführung und der wirtschaftlichen Entwicklung. Im Vergleich zu anderen Ereignissen wie der Annexion Schlesiens (1740–1742), die zum Siebenjährigen Krieg führte und das europäische Machtgefüge tief erschütterte, war dies eine auf diplomatischem Wege erzielte Expansion.
Für Polen verdeutlichte die Teilung die eigenen tiefen strukturellen Mängel und regte Reformen an, wie den Vierjährigen Sejm und die Verfassung von 1791, doch es war zu spät. Das Jahr 1773 markierte den ersten Schritt eines Prozesses, an dessen Ende die völlige Auflösung des polnischen Staates stand.
Schon kurzfristig führte die Gründung Westpreußens, das traditionell starke deutschsprachige Bevölkerungsteile hatte, zu umfassenden wirtschaftlichen Maßnahmen, darunter weitere deutsche Kolonisation, Landverbesserungen und der Ausbau der Infrastruktur. Preußen integrierte eine multiethnische, multikonfessionelle Bevölkerung, was zwar Spannungen erzeugte, aber auch durch die rasch eintretenden Modernisierungen Stabilität brachte. In den preußisch annektierten Gebieten Polens war nach einigen Generationen die Alphabetisierungsrate die höchste aller ehemals polnischen Gebiete.
Polen verlor mit der ersten Teilung bereits ein Viertel seines Territoriums und ein Drittel seiner Bevölkerung, was den Weg zu den weiteren Teilungen 1793 und 1795 ebnete und den Staat schließlich bis 1918 von der Landkarte verschwinden ließ. Langfristig förderten die unrechtmäßigen Teilungen den polnischen Nationalismus und führte zu Aufständen, besonders in den russisch annektierten Teilen, wie jenem von Kościuszko im Jahr 1794.
Nachtrag: Es wird dringend darum ersucht, den Artikel nicht für Ideologie oder nationalistische Tiraden zu missbrauchen.
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Über die Einzelheiten des Verhältnisses zwischen Friedrich II. und Voltaire wusste ich bisher auch noch nichts. Klar ist, dass beide einen sehr langen Kontakt hatten - mit Höhen und Tiefen.
Dazu nun Textzitate in voller Länge:
»Voltaire & der König
„On presse l’orange et on en jette l’écorce.“: Der Bruch zwischen Voltaire und Friedrich II. am 26. März 1753
Ende März 1753 verließ Voltaire tief beleidigt Preußen. Der französische Philosoph war im Juli 1750 auf wiederholte Einladung des Königs nach Potsdam gekommen und hatte dort seither als Kammerherr, Historiograph und Ritter des Pour-le-Mérite gewirkt. Nach knapp drei Jahren endete sein preußisches Intermezzo. Sein Weggang und das damit verbundene Zerwürfnis mit dem König blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen und wurde unter den Geistesgrößen der Zeit lebhaft thematisiert.
Es ist reizvoll, den Moment zu betrachten, in dem die literarische Bewunderung in reale Abhängigkeit überging – insbesondere während Voltaires Aufenthalt in Potsdam (1750–1753). Hier prallten die Allüren des "Königs der Philosophen" auf die absolute Autorität des "Philosophen auf dem Thron".
Mit dem Konflikt verbindet sich eine häufig zitierte Metapher, die immer wieder Friedrich II. zugeschrieben wird und die oft als Auslöser genannt, was jedoch zu kurz betrachtet wäre:
„On presse l’orange et on en jette l’écorce.“
»Man presse die Orange aus und werfe anschließend die Schale weg.«
Voltaire erfuhr diesen Satz als Hofgerücht und war augenblicklich gekränkt. Nach seiner späteren Darstellung soll der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie ihm berichtet haben, Friedrich habe erklärt, er brauche Voltaire höchstens noch kurze Zeit; danach werde man die „Orange auspressen“. Ob der König den Ausspruch tatsächlich getan hat, ist quellenmäßig nicht zweifelsfrei belegt. In Voltaires Überlieferung wurde die Metapher jedoch zum Symbol der Beziehung zwischen beiden Männern. La Mettrie galt am Hofe als „Vorleser“ und Provokateur; dass Voltaire diese Information ungeprüft als tödliche Kränkung auffasste, unterstreicht seine Paranoia bezüglich einer befürchteten Bedeutungslosigkeit im Machtgefüge.
Hier der äußerlich stets von sich eingenommene, häufig lästerlich über seine Zeitgenossen schreibende Stern unter den Philosophen französischer Prägung, dort der kaum weniger von sich überzeugte König, der berüchtigt war, alles und jeden für seinen Zweck einzuspannen.
Zwei Egos, die sich gegenseitig als Spiegel zur Selbstdarstellung benötigten und missbrauchten.
Voltaires Stellung am preußischen Hof
Friedrich hatte Voltaire bereits als Kronprinz seit 1736 durch einen intensiven Briefwechsel umworben. Für ihn verkörperte der französische Schriftsteller die literarische und philosophische Kultur der Aufklärung. Nach dem Regierungsantritt 1740 wiederholte Friedrich seine Einladung mehrfach; Voltaire folgte ihr schließlich zehn Jahre später im Jahre 1750 und traf am 10. Juli 1750 in Potsdam ein.
Der Philosoph erhielt ein Jahresgehalt von etwa 20.000 Livres (in manchen Quellen rund 5.000 Taler), eine Wohnung im Potsdamer Stadtschloss sowie eine Stellung im Umfeld der Berliner Akademie der Wissenschaften. Zugleich arbeitete er an der Redaktion der Schriften Friedrichs und war regelmäßiger Gast der abendlichen Gesprächsrunden des Königs in Sanssouci.
Der engste Hofkreis bestand aus mehreren französischen Gelehrten, darunter Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, Jean-Baptiste de Boyer d’Argens und Francesco Algarotti. Zwischen diesen Persönlichkeiten bestand eine fortwährende Konkurrenz um die Nähe und Gunst des Königs, was das Klima am Hof spannungsreich machte.
Konflikte und Eskalation (1751–1753)
Schon früh entstanden Schwierigkeiten. Friedrichs Bewunderung machte mehr und mehr einem Geist der Dienstbarmachung Raum. Voltaire geriet bereits 1751 wegen spekulativer Finanzgeschäfte in einen Streit mit dem jüdischen Bankier Abraham Hirschel, der vor Gericht endete und in Berlin einigermaßen Aufsehen erregte. Friedrich war über Voltaires Spekulationen mit sächsischen Steuergutscheinen (Steuerscheinen) deshalb so erzürnt war, weil sie dem Image des „Philosophen von Sanssouci“ schadeten, das er mühsam nach dem Ersten Schlesischen Krieg für seinen Hof aufgebaut hatte. Voltaire agierte hier als Privatmann gegen das staatliche Interesse. Friedrich hielt zwar öffentlich Distanz zu der Affäre, war aber alles andere als amüsiert.
Der entscheidende Konflikt entwickelte sich jedoch innerhalb der Akademie. Maupertuis, Präsident der Berliner Akademie, hatte im Streit um mathematische und philosophische Fragen den Gelehrten Johann Samuel König beschuldigt, ein Leibniz-Zitat gefälscht zu haben. Die Angelegenheit wurde damals europaweit diskutiert.
Voltaire griff Maupertuis daraufhin in der Satire Diatribe du docteur Akakia scharf an und verspottete sowohl dessen wissenschaftliche Thesen als auch seine Rolle als Akademiepräsident. Friedrich verhielt sich diesmal nicht neutral und distanziert, sondern stellte sich stattdessen demonstrativ hinter Maupertuis. Am 24. Dezember 1752 ließ er Voltaires Schrift in Berlin öffentlich verbrennen. Eine tiefe Schmach für den stolzen, sehr von sich eingenommenen Philosophen.
Zu Beginn des Jahres 1753 erreichte der Konflikt den Höhepunkt. Als Reaktion auf die Verbrennung sandte Voltaire er am 1. Januar 1753 den Pour-le-Mérite-Orden und den Kammerherrenschlüssel an den König zurück – ein Affront und deutliches Zeichen des Bruchs.
Abreise und Frankfurter Zwischenfall
Voltaire bat anschließend um Urlaub zu einer Kur in Plombières. Friedrich erteilte die Reisegenehmigung, verlangte jedoch zugleich die Rückgabe aller Manuskripte und Drucke des Königs, die sich noch in Voltaires Besitz befanden.
Am 26. März 1753 verließ Voltaire Berlin. Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits überwiegend in Berlin und nicht mehr in Potsdam in der Nähe des Königs. Über Leipzig und Gotha gelangte er Ende Mai nach Frankfurt am Main.
Dort kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Auf Anweisung des preußischen Residenten wurde Voltaire am 31. Mai 1753 im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ festgesetzt. Anlass war der Verdacht, er habe ein Exemplar der Œuvres du philosophe de Sans-Souci sowie weitere Schriften des Königs mitgenommen. Voltaire blieb mehrere Wochen unter Hausarrest und durfte Frankfurt erst Anfang Juli 1753 verlassen. Dass Friedrich eine Person von solcher Popularität wie einen gewöhnlichen Dieb festsetzen ließ, war ein diplomatischer Fauxpas, der das Bild Preußens unter den europäischen Gelehrten beschädigte.
Nachwirkungen
Der persönliche Umgang zwischen Friedrich und Voltaire war beendet, nicht jedoch ihr Briefwechsel. In späteren Jahren nahm die Korrespondenz teilweise wieder einen versöhnlicheren Ton an und dauerte bis zu Voltaires Tod 1778 an.
Für Voltaire wurde der Aufenthalt in Preußen rückblickend zu einem Beispiel für die Grenzen aufgeklärter Monarchie. Für Friedrich blieb der französische Philosoph ein bedeutender, aber schwieriger und letztlich unzuverlässiger Schriftsteller und Ratgeber, weil nicht bedingungslos zu instrumentalisieren. Beide Akteure verband eine tiefe Verachtung für das "Unvernünftige", jedoch unterschieden sich ihre Motive fundamental. Während Voltaire die Freiheit des Geistes (oft zur persönlichen Absicherung) suchte, nutzte Friedrich die Philosophie als Instrument der staatlichen Vernunft und zur Legitimierung seines Herrschaftsmodells.«
Interessant im Zusammenhang mit der Festsetzung Voltaires in Fankfurt am Main ist auch noch eine Ausführung in den Kommentaren:
»Die Festsetzung Voltaires in der Freien Reichsstadt Frankfurt war ein brutaler Akt preußischer Willkür, Friedrich II. hatte keine rechtliche Handhabe.
Dass der Zugriff gelang, lag am rücksichtslosen Vorgehen des preußischen Residenten Franz von Freytag. Dieser setzte Voltaire im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ unter Hausarrest. Friedrich fürchtete, der gekränkte Philosoph könne die darin enthaltenen Spöttereien über europäische Monarchen veröffentlichen.
Der Frankfurter Rat wagte es aus Furcht vor der militärischen Macht Preußens nicht, gegen diesen Bruch der städtischen Souveränität einzuschreiten. Erst nach fünf Wochen und unter internationalem Protest durfte Voltaire die Stadt verlassen.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/17r5JFrH7o/
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
Dazu nun Textzitate in voller Länge:
»Voltaire & der König
„On presse l’orange et on en jette l’écorce.“: Der Bruch zwischen Voltaire und Friedrich II. am 26. März 1753
Ende März 1753 verließ Voltaire tief beleidigt Preußen. Der französische Philosoph war im Juli 1750 auf wiederholte Einladung des Königs nach Potsdam gekommen und hatte dort seither als Kammerherr, Historiograph und Ritter des Pour-le-Mérite gewirkt. Nach knapp drei Jahren endete sein preußisches Intermezzo. Sein Weggang und das damit verbundene Zerwürfnis mit dem König blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen und wurde unter den Geistesgrößen der Zeit lebhaft thematisiert.
Es ist reizvoll, den Moment zu betrachten, in dem die literarische Bewunderung in reale Abhängigkeit überging – insbesondere während Voltaires Aufenthalt in Potsdam (1750–1753). Hier prallten die Allüren des "Königs der Philosophen" auf die absolute Autorität des "Philosophen auf dem Thron".
Mit dem Konflikt verbindet sich eine häufig zitierte Metapher, die immer wieder Friedrich II. zugeschrieben wird und die oft als Auslöser genannt, was jedoch zu kurz betrachtet wäre:
„On presse l’orange et on en jette l’écorce.“
»Man presse die Orange aus und werfe anschließend die Schale weg.«
Voltaire erfuhr diesen Satz als Hofgerücht und war augenblicklich gekränkt. Nach seiner späteren Darstellung soll der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie ihm berichtet haben, Friedrich habe erklärt, er brauche Voltaire höchstens noch kurze Zeit; danach werde man die „Orange auspressen“. Ob der König den Ausspruch tatsächlich getan hat, ist quellenmäßig nicht zweifelsfrei belegt. In Voltaires Überlieferung wurde die Metapher jedoch zum Symbol der Beziehung zwischen beiden Männern. La Mettrie galt am Hofe als „Vorleser“ und Provokateur; dass Voltaire diese Information ungeprüft als tödliche Kränkung auffasste, unterstreicht seine Paranoia bezüglich einer befürchteten Bedeutungslosigkeit im Machtgefüge.
Hier der äußerlich stets von sich eingenommene, häufig lästerlich über seine Zeitgenossen schreibende Stern unter den Philosophen französischer Prägung, dort der kaum weniger von sich überzeugte König, der berüchtigt war, alles und jeden für seinen Zweck einzuspannen.
Zwei Egos, die sich gegenseitig als Spiegel zur Selbstdarstellung benötigten und missbrauchten.
Voltaires Stellung am preußischen Hof
Friedrich hatte Voltaire bereits als Kronprinz seit 1736 durch einen intensiven Briefwechsel umworben. Für ihn verkörperte der französische Schriftsteller die literarische und philosophische Kultur der Aufklärung. Nach dem Regierungsantritt 1740 wiederholte Friedrich seine Einladung mehrfach; Voltaire folgte ihr schließlich zehn Jahre später im Jahre 1750 und traf am 10. Juli 1750 in Potsdam ein.
Der Philosoph erhielt ein Jahresgehalt von etwa 20.000 Livres (in manchen Quellen rund 5.000 Taler), eine Wohnung im Potsdamer Stadtschloss sowie eine Stellung im Umfeld der Berliner Akademie der Wissenschaften. Zugleich arbeitete er an der Redaktion der Schriften Friedrichs und war regelmäßiger Gast der abendlichen Gesprächsrunden des Königs in Sanssouci.
Der engste Hofkreis bestand aus mehreren französischen Gelehrten, darunter Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, Jean-Baptiste de Boyer d’Argens und Francesco Algarotti. Zwischen diesen Persönlichkeiten bestand eine fortwährende Konkurrenz um die Nähe und Gunst des Königs, was das Klima am Hof spannungsreich machte.
Konflikte und Eskalation (1751–1753)
Schon früh entstanden Schwierigkeiten. Friedrichs Bewunderung machte mehr und mehr einem Geist der Dienstbarmachung Raum. Voltaire geriet bereits 1751 wegen spekulativer Finanzgeschäfte in einen Streit mit dem jüdischen Bankier Abraham Hirschel, der vor Gericht endete und in Berlin einigermaßen Aufsehen erregte. Friedrich war über Voltaires Spekulationen mit sächsischen Steuergutscheinen (Steuerscheinen) deshalb so erzürnt war, weil sie dem Image des „Philosophen von Sanssouci“ schadeten, das er mühsam nach dem Ersten Schlesischen Krieg für seinen Hof aufgebaut hatte. Voltaire agierte hier als Privatmann gegen das staatliche Interesse. Friedrich hielt zwar öffentlich Distanz zu der Affäre, war aber alles andere als amüsiert.
Der entscheidende Konflikt entwickelte sich jedoch innerhalb der Akademie. Maupertuis, Präsident der Berliner Akademie, hatte im Streit um mathematische und philosophische Fragen den Gelehrten Johann Samuel König beschuldigt, ein Leibniz-Zitat gefälscht zu haben. Die Angelegenheit wurde damals europaweit diskutiert.
Voltaire griff Maupertuis daraufhin in der Satire Diatribe du docteur Akakia scharf an und verspottete sowohl dessen wissenschaftliche Thesen als auch seine Rolle als Akademiepräsident. Friedrich verhielt sich diesmal nicht neutral und distanziert, sondern stellte sich stattdessen demonstrativ hinter Maupertuis. Am 24. Dezember 1752 ließ er Voltaires Schrift in Berlin öffentlich verbrennen. Eine tiefe Schmach für den stolzen, sehr von sich eingenommenen Philosophen.
Zu Beginn des Jahres 1753 erreichte der Konflikt den Höhepunkt. Als Reaktion auf die Verbrennung sandte Voltaire er am 1. Januar 1753 den Pour-le-Mérite-Orden und den Kammerherrenschlüssel an den König zurück – ein Affront und deutliches Zeichen des Bruchs.
Abreise und Frankfurter Zwischenfall
Voltaire bat anschließend um Urlaub zu einer Kur in Plombières. Friedrich erteilte die Reisegenehmigung, verlangte jedoch zugleich die Rückgabe aller Manuskripte und Drucke des Königs, die sich noch in Voltaires Besitz befanden.
Am 26. März 1753 verließ Voltaire Berlin. Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits überwiegend in Berlin und nicht mehr in Potsdam in der Nähe des Königs. Über Leipzig und Gotha gelangte er Ende Mai nach Frankfurt am Main.
Dort kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Auf Anweisung des preußischen Residenten wurde Voltaire am 31. Mai 1753 im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ festgesetzt. Anlass war der Verdacht, er habe ein Exemplar der Œuvres du philosophe de Sans-Souci sowie weitere Schriften des Königs mitgenommen. Voltaire blieb mehrere Wochen unter Hausarrest und durfte Frankfurt erst Anfang Juli 1753 verlassen. Dass Friedrich eine Person von solcher Popularität wie einen gewöhnlichen Dieb festsetzen ließ, war ein diplomatischer Fauxpas, der das Bild Preußens unter den europäischen Gelehrten beschädigte.
Nachwirkungen
Der persönliche Umgang zwischen Friedrich und Voltaire war beendet, nicht jedoch ihr Briefwechsel. In späteren Jahren nahm die Korrespondenz teilweise wieder einen versöhnlicheren Ton an und dauerte bis zu Voltaires Tod 1778 an.
Für Voltaire wurde der Aufenthalt in Preußen rückblickend zu einem Beispiel für die Grenzen aufgeklärter Monarchie. Für Friedrich blieb der französische Philosoph ein bedeutender, aber schwieriger und letztlich unzuverlässiger Schriftsteller und Ratgeber, weil nicht bedingungslos zu instrumentalisieren. Beide Akteure verband eine tiefe Verachtung für das "Unvernünftige", jedoch unterschieden sich ihre Motive fundamental. Während Voltaire die Freiheit des Geistes (oft zur persönlichen Absicherung) suchte, nutzte Friedrich die Philosophie als Instrument der staatlichen Vernunft und zur Legitimierung seines Herrschaftsmodells.«
Interessant im Zusammenhang mit der Festsetzung Voltaires in Fankfurt am Main ist auch noch eine Ausführung in den Kommentaren:
»Die Festsetzung Voltaires in der Freien Reichsstadt Frankfurt war ein brutaler Akt preußischer Willkür, Friedrich II. hatte keine rechtliche Handhabe.
Dass der Zugriff gelang, lag am rücksichtslosen Vorgehen des preußischen Residenten Franz von Freytag. Dieser setzte Voltaire im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ unter Hausarrest. Friedrich fürchtete, der gekränkte Philosoph könne die darin enthaltenen Spöttereien über europäische Monarchen veröffentlichen.
Der Frankfurter Rat wagte es aus Furcht vor der militärischen Macht Preußens nicht, gegen diesen Bruch der städtischen Souveränität einzuschreiten. Erst nach fünf Wochen und unter internationalem Protest durfte Voltaire die Stadt verlassen.«
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