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Architekten des Kaiserreichs - Albrecht von Roon (1803 - 1879)

Versailles, 1871, Bismarck, Deutsches Reich, Wilhelm I

Moderator: Barbarossa

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Barbarossa
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Textzitat in voller Länge:
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»„Periculum in mora. Dépêchez-vous!“ - zum Geburtstag Albrecht von Roons

Drei Namen stehen für die Reichsgründung vom Januar 1871: Bismarck, Moltke und Roon. Während man Bismarck Plätze, Türme, Straßen, Statuen widmete und auch Moltke viel Ehre zuteil wurde, steht Roon relativ unbeachtet in ihrem Schatten, obwohl er nicht nur Bismarck quasi ins Amt hievte, er schuf auch erst jene Armee, die Moltke in den Krieg und zum Sieg führte.

Albrecht Theodor Emil von Roon verkörpert die Synthese aus Progressivität und Konservatismus. Sein Wirken steht für den Wendepunkt in der preußischen Heeresorganisation, der die militärische Grundlage für die Reichsgründung von 1871 schuf.

Herkunft und frühe Prägung (1803–1821)

Roon wurde am 30. April 1803 in Pleushagen bei Kolberg geboren. Seine Herkunft war geprägt von den ökonomischen Schwierigkeiten des niederen Adels in Hinterpommern während der napoleonischen Ära. Sein Vater, ein preußischer Offizier, verstarb früh, was die Familie in zusätzlich prekäre finanzielle Verhältnisse stürzte.

• Sozialisation: Die Erziehung erfolgte in einem Umfeld, das durch pietistische Frömmigkeit und die Erfahrung der französischen Besatzung charakterisiert war. Dies legte den Grundstein für seine lebenslange Skepsis gegenüber dem Liberalismus französischer Prägung.
• Bildung: Zu jung, nahm er nicht an den Befreiungskriegen teil. Er trat 1816 in das Kulmer Kadettenhaus ein, von wo er 1818 in die Berliner Hauptkadettenanstalt Lichterfelde wechselte. 1821 erfolgte die Ernennung zum Sekondeleutnant im 14. Infanterie-Regiment in Stargard.

Wissenschaftliche Prägung und Generalstabskarriere

Roons Aufstieg verlief zunächst über den Schreibtisch, dann den Stbsdienst. Er profilierte sich als einer der fähigsten Militärgeographen seiner Zeit.
1. Lehrtätigkeit: Von 1824 bis 1827 besuchte er die Allgemeine Kriegsschule in Berlin. Ab 1828 unterrichtete er an der Kadettenanstalt, wo er durch sein Werk „Grundzüge der Erd-, Völker- und Staatenkunde“ (1832) bekannt wurde. Seine Publikationen wurden zu Standardwerken.
2. Geographische Methodik: Roon betrachtete Geographie im politischen Sinne. Er vertrat die These, dass die Beschaffenheit des Raumes die Verteidigungsfähigkeit eines Staates festlege – eine Erkenntnis, die er später auf die strategische Eisenbahnplanung anwandte.
3. Generalstabsdienst: 1836 wurde er in den Großen Generalstab berufen. Er diente im Korpsstab in Koblenz, wo er das Vertrauen des späteren Königs Wilhelm I. gewann. Die Niederschlagung der Aufstände gegen die großherzogliche Regierung im Jahr 1849 in Baden festigte dieses Verhältnis.

Die Heeresreform: Auslöser des preußischen Verfassungskonflikts

Mit der Ernennung zum Kriegsminister am 5. Dezember 1859 übernahm Roon schließlich in die Rolle seines bedeutendsten Wirkens. Er konstatierte, dass das System der „Allgemeinen Wehrpflicht“ von 1814 aufgrund des Bevölkerungswachstums defizitär geworden war, da ein erheblicher Teil der Wehrpflichtigen nicht eingestellt wurde.

Die Kernpunkte seiner Reform:

• Erhöhung der Rekrutenzahlen: Anhebung von 40.000 auf 63.000 Mann jährlich zur Sicherstellung der Wehrgerechtigkeit und zugleich zur Vergrößerung des Friedensstandes.
• Verlängerung der Dienstzeit: Festschreibung der dreijährigen aktiven Dienstzeit zur Professionalisierung des Heeres und zur Festigung der Disziplin.
• Trennung von Linie und Landwehr: Roon beabsichtigte, die Landwehr aus dem ersten Feldheer zu entfernen, da er ihre militärische Effizienz aber auch politische Zuverlässigkeit bezweifelte.

Diese Pläne stießen im preußischen Abgeordnetenhaus auf Widerstand. Die Liberalen sahen in der Schwächung der Landwehr einen Angriff auf das Prinzip des Volksheeres. Da Roon und König Wilhelm I. nicht bereit waren, die dreijährige Dienstzeit preiszugeben, mündete dies in den Preußischen Verfassungskonflikt.

Roon und Bismarck: Die stählerne Allianz

Roons historische Bedeutung liegt, kaum bewusst wahrgenommen, in seiner Rolle als der eigentliche Weichensteller. Als Wilhelm I. 1862 angesichts des Konflikts mit dem Parlament an Abdankung dachte, war es Roon, der die Berufung Otto von Bismarcks forcierte. Das Telegramm mit den Worten „Periculum in mora. Dépêchez-vous!“ („Gefahr im Verzug. Beeilen Sie sich!“) rief den in Paris im diplomatischen Dienst stehenden Bismarck nach Preußen zurück, was den Ausschlag für Bismarcks folgenreiche Ernennung zum Ministerpräsidenten ermöglichte.

In der Folge bildete sich das Zusammenwirken von Bismarck, Moltke und Roon heraus, das die Einigungskriege ermöglichte. Während Moltke die Planung der militärischen Operationen übernahm, verantwortete Roon die materielle und organisatorische Substanz des Heeres. Sein Wirken konzentrierte sich auf die Erhöhung der Präsenzstärke und die Beschleunigung der Aufmarschlogistik. Er beschaffte das Zündnadelgewehr und moderne Artillerie. Er schuf damit die personellen, administrativen und militärtechnologischen Grundlagen für die Feldzüge von 1864, 1866 und 1870/71.

Späte Jahre und Rücktritt

Nach der Reichsgründung wurde Roon 1871 in den Grafenstand erhoben und 1873 zum Generalfeldmarschall sowie kurzzeitig zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Gesundheitliche Probleme und die zunehmende Dominanz Bismarcks führten jedoch zu seinem Rücktritt von allen Ämtern im November 1873.

Vermächtnis

Roon verstand das Heer als ein technisches System, das nur durch permanente Übung und klare Unterstellung funktionsfähig blieb. Seine Ablehnung parlamentarischer Kontrolle über das Militärbudget festigte die Stellung der Armee als Machtfaktor außerhalb direkter demokratischer Einflussnahme, woran sich wieder und wieder die politischen Grundsatzkämpfe zwischen Regierung und Parlament entzündeten.

Er verstarb am 23. Februar 1879 in Berlin. Sein Wirken sicherte die militärische Vormachtstellung Preußens, zementierte jedoch gleichzeitig den Charakter des Militärs als geschlossene Institution innerhalb des Staates.“
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Quelle: https://www.facebook.com/share/p/18RdDtF3jh/
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