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»Friedrich Wilhelm I. - Dienst noch im Angesicht des Todes
Im April 1740 war der Gesundheitszustand König Friedrich Wilhelms I. bereits alarmierend. Er litt unter fortgeschrittener Wassersucht, die ihm das Atmen und jede Bewegung zur Qual machte. Seine Beine waren massiv durch Wasseransammlungen geschwollen, und die Atemnot zwang ihn die Nächte in einem Lehnstuhl zu verbringen, da das Liegen unerträglich geworden war.
Nach heutigem medizinischem Verständnis handelt es sich bei der damals so bezeichneten Wassersucht nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um einen Komplex verschiedener schwerer organischer Leiden. Im Falle des Königs deutet die Symptomatik – massive Beinödeme, Atemnot und Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum und der Lunge – auf eine fortgeschrittene Herzinsuffizienz in Kombination mit Niereninsuffizienz und Leberschäden. Die zeitgenössische Medizin war machtlos; man versuchte, die Flüssigkeit durch schmerzhafte Punktionen mechanisch abzuleiten, was den geschwächten Organismus zusätzlich belastete. Dies wird durch die Berichte des Leibarztes Johann Theodor Eller gestützt, der die vergeblichen Versuche dokumentierte, die „serösen Flüssigkeiten“ abzuführen (Eller: Observationes de cognoscendis et curandis morbis, 1762).
Die geistige Verfassung des Königs
Trotz der körperlichen Hinfälligkeit blieb der Geist Friedrich Wilhelms I. von einer unheimlichen Klarheit und Strenge geprägt. Die Korrespondenzen und Augenzeugenberichte aus jenen Wochen verdeutlichen, dass der König seinen körperlichen Verfall nicht als Anlass zur Resignation oder Schonung nahm, sondern als unvermeidlichen Prozess, den es bis zuletzt zu steuern galt. Er ließ sich in einem Rollstuhl durch die Potsdamer Zimmer schieben, um die täglichen Rapporte unverändert entgegenzunehmen und Anordnungen zu erteilen. Die Regierungsgeschäfte wurden bis zuletzt mit derselben Akribie geführt, die sein gesamtes Wirken ausgezeichnet hatte. Der Gesandte Dickens vermerkte in seinen Depeschen nach London bewundernd, dass der König „mitten in den heftigsten Schmerzen“ Befehle erteilte, als stünde er bei bester Gesundheit auf dem Paradeplatz.
Glaubensstrenge und die Sorge um das Seelenheil
Parallel zur staatspolitischen Vorsorge der letzten Wochen widmete sich der Monarch in den dienstfreien Stunden der Nacht mit großer Hingabe seinem geistlichen Zustand. Friedrich Wilhelm I. war ein tief religiöser, bibelfester und in seinem privaten Lebenswandel absolut keuscher und sittenstrenger Regent. Seine Frömmigkeit war von einem teils unerbittlichen Calvinismus geprägt, ergänzt durch Pietismus, der keine Oberflächlichkeit duldete. In seinen letzten Wochen quälten ihn neben den körperlichen Schmerzen, tiefe Sorgen bezüglich seiner Sündhaftigkeit und der bevorstehenden Rechtfertigung vor seinem Schöpfer.
Er suchte das Gespräch mit Geistlichen wie dem Hofprediger Coith, wobei er sich kritischen Selbstprüfungen unterzog. Besonders die Frage, ob er als Herrscher in seinem Zorn und seiner Härte gegenüber Untertanen und Familie zu weit gegangen sei, beschäftigte ihn. Diese ernsthafte Auseinandersetzung war für ihn kein formaler Akt der dem bevorstehenden Tod vorausging, sondern eine für ihn existenzielle Notwendigkeit, der er mit der gleichen Ernsthaftigkeit nachging, wie den Staatsgeschäften. Er verlangte nach geistlicher Aufrichtigkeit und verabscheute jede Form von religiöser Heuchelei und Schönfärberei, was seine letzten Tage zu einem Zeugnis eines schwer ringenden, im Glauben gefestigten Christen machten.
Das Verhältnis zum Kronprinzen
In den letzten Monaten vollzog sich eine bemerkenswerte Annäherung zwischen dem sterbenden Vater und seinem ältesten Sohn und Nachfolger. Die tiefen Gräben der vergangenen Jahre traten in den Hintergrund, während Friedrich Wilhelm I. seinen Sohn systematisch in die komplexen Details der preußischen Finanz- und Militärverwaltung einführte.
Es war eine Phase der Instruktion: Der König wollte sicherstellen, dass sein mühsam aufgebautes Lebenswerk – ein Staat, der wie ein Uhrwerk funktionierte – nicht durch den Thronwechsel ins Wanken geriet. Er forderte vom Kronprinzen das Versprechen, die Armee beizubehalten und den Staatsschatz nicht zu verschleudern. Friedrich II. notierte später in seinen Mémoires de l'Histoire de Brandebourg, dass er in diesen Tagen den „wahren Staatsmann“ in seinem Vater erkannt habe, dessen Strenge stets dem Wohl des Ganzen verpflichtet gewesen sei.
Die letzte Dienstpflicht
Inmitten seiner körperlichen Qualen ordnete Friedrich Wilhelm I. die Gegenwart der am Hofe verfügbaren Angehörigen an. Ihre Anwesenheit war in seinem Verständnis kein bloßer Wunsch eines Sterbenden, sondern die finale Dienstverpflichtung gegenüber dem Haus Preußen, dem sich alle absolut unterordnen mussten. Sein Sterben sollte als letzte Lektion einer lebenslangen „Hauszucht“ dienen. Königin Sophie Dorothea, deren Verhältnis zum König über Jahre durch massive politische Differenzen und ihre Versuche, die väterliche Erziehung zu unterminieren, belastet war, wich in diesen Wochen nicht von seinem Lager.
In diesem letzten Stadium erst trat die langjährige Konfrontation zwischen der eigensinnigen Agenda der Königin und der kompromisslosen Staatsführung des Monarchen zugunsten einer gemeinsamen Pflichtanerkennung und Erfüllung zurück; der König erkannte ihre fortgesetzte Anwesenheit und Aufrichtigkeit an und bat sie förmlich um Verzeihung für die Härten der Vergangenheit.
Die Anordnung des Königs zur Teilnahme am Sterbegefolge richtete sich an die in Potsdam und Berlin greifbaren Familienmitglieder: Die unvermählten Töchter Luise Ulrike und Anna Amalie sowie die jungen Prinzen August Wilhelm, Heinrich und Ferdinand erlebten persönlich, wie ihr Vater zwischen den Qualen der Atemnot und Qualen in den geschwollenen Extremitäten, letzte Regierungsbefehle diktierte und die Korrektheit militärischer Meldungen prüfte. Während die bereits auswärts vermählten Töchter – wie Wilhelmine in Bayreuth oder Friederike Luise in Ansbach – aufgrund der Distanzen dem Sterbelager fernblieben, wurde Kronprinz Friedrich am 27. Mai per Stafette aus Rheinsberg zur allerletzten Phase nach Potsdam beordert. Für den damals 14-jährigen Heinrich blieb die beklemmende Strenge dieses Dienstes bis in den Tod lebenslang in Erinnerung. Der König wollte demonstrieren, wie ein christlicher Monarch und Landesvater abzutreten hat: ohne Klage, untergeordnet unter das göttliche Urteil und die preußische Dienstvorschrift. Er ließ den anwesenden Teil der Familie an den geistlichen Gesprächen teilhaben und verlangte die gemeinsame Teilnahme am Hören der Choräle, als Akt kollektiver Disziplinierung bis zum Ende.
Vorbereitung auf das Unabwendbare
Als das unvermeidliche sich ankündigte, bereitete der „Soldatenkönig“ sein Ende mit jener unnachgiebigen Disziplin vor, die seine gesamte Herrschaft geprägt hatte. Er regelte die Nachfolge bis ins kleinste Detail und wies seinen Sohn, den späteren Friedrich II., noch einmal persönlich in die Regierungsgeschäfte ein. Bemerkenswert ist die Sachlichkeit, mit der er sein eigenes Begräbnis plante: Er diktierte detaillierte Instruktionen für jenes Regiment, das bei seinem Begräbnis salutieren sollte, und legte fest, welche Offiziere ihn zu Grabe tragen durften. Diese Anweisungen sind im Reglement vom 29. Mai 1740, zwei Tage vor seinem Tod, erhalten, in dem er von der Anzahl der Trauerschüsse bis zur Aufstellung der Wachen minuziös alles fixierte.
Preußen trat nach seinem Ableben am 31. Mai als gefestigter Akteur in die europäische Politik ein, getragen von einer einzigartig effizienten Staatsverwaltung, einem gefüllten Staatsschatz von ca. 8,7 Millionen Talern und einer verdoppelten Armee von über 80.000 Soldaten. Die nahtlose Machtübergabe ist ein Indiz für die institutionelle Festigkeit des preußischen Staates, den Friedrich Wilhelm I. geschaffen hatte.«
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Friedrich Wilhelm I. - 1713 - 1740 preußischer König
Moderator: Barbarossa
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