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Geschichte von Stargard in Hinterpommern

Verfasst: 12.04.2026, 11:40
von Barbarossa
Hier ein interessanter Artikel über die Geschichte Pommerns und hier insbesondere über Stargard.
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Noch zur Ergänzung:
Herzog Bogislaw I. wurde 1181 von Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) in Lübeck in den Reichsfürstenstand erhoben. Damit wurde das Herzogtum Pommern ein direktes Lehen des Heiligen Römischen Reiches.
Die Herzöge von Pommern und später von Pommern-Stettin und Pommern-Wolgast aus dem Haus der Greifen waren Reichsfürsten und nahmen somit an Reichstagen teil.
Textzitat in voller Länge:
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»Stargard in Hinterpommern

Die Stadt Stargard, an der schiffbaren Ihna gelegen, entwickelte sich aufgrund ihrer geografischen Lage zu einem bedeutenden wirtschaftlichen und politischen Zentrum Hinterpommerns. Ihre Geschichte ist geprägt von der Hansezeit, landesherrlichen Teilungen unter dem Herzögen des Hauses Greife sowie dem späteren Aufstieg als Verwaltungs- und Garnisonsstadt innerhalb des preußischen Staates.

Der heutige Artikel dient hinsichtlich der zeitlichen Abschnitte nach der Eiszeit bis in Hochmittelalter, stellvertretend für den gesamten Raum östlich der Elbe. Die Dynamiken der Frühbesiedlung sowie der Wanderungsbewegungen sind ähnlich mit jenen Brandenburgs.



+ Prähistorische Grundlagen und vor-germanische Besiedlung

Archäologische Befunde belegen eine Besiedlung des Raumes an der unteren Ihna seit der Jungsteinzeit. Keramikfunde, Steinwerkzeuge und Grabanlagen weisen auf bäuerliche Gemeinschaften hin, die im Zuge der neolithischen Entwicklung in der Region etabliert waren.

Für die Bronzezeit und die vorrömische Eisenzeit ist eine kontinuierliche Siedlungstätigkeit nachweisbar. Der Raum war Teil größerer kultureller Zusammenhänge, insbesondere der Lausitzer Kultur und nachfolgender regionaler Formierungen. Eine ethnische Zuordnung ist aufgrund der Quellenlage nicht möglich.

+ Germanische Präsenz und Völkerwanderungszeit

Für die Antike und den Höhepunkt der Völkerwanderungszeit wird die Region in der Forschung als Siedlungsraum germanischer Gruppen eingeordnet. Archäologische und historische Indizien sprechen für eine Präsenz insbesondere von Rugiern und Teilen der Goten.

Der Rückgang dieser Gruppen im 5. und 6. Jahrhundert steht im Zusammenhang mit den großräumigen Wanderungsbewegungen der Völkerwanderungszeit, die durch den Druck der aus dem Osten expandierenden Hunnen beschleunigt wurden. Für weite Teile des verlassenen Raumes wird von einer sehr deutlichen Verringerung der Bevölkerungsdichte ausgegangen; regionale Kontinuitäten sind wahrscheinlich aber archäologisch schwerer nachweisbar, weil ältere Funde und neuere zeitlich nicht zweifelsfrei zu differenzieren sind.

+ Slawische Landnahme und frühmittelalterliche Entwicklung

Das Vordringen westslawischer Gruppen nach Hinterpommern war Teil langfristiger frühmittelalterlicher Siedlungsprozesse. Dabei wirkten allgemeine Wanderungsbewegungen und regionale Transformationsprozesse mit den verbliebenen germanischen Bevölkerungsresten zusammen.

Im südlichen Ostseeraum bildeten sich die Pomoranen als regionale Gruppe heraus, die den Raum dauerhaft prägte. Kontakte und Überlagerungen mit älteren Siedlungsresten sind sehr wahrscheinlich, jedoch hinsichtlich Art und Folge bislang nur sehr eingeschränkt rekonstruierbar.

Für weite Teile Ostmitteleuropas ist allgemein eine sehr geringe Bevölkerungsdichte im Früh- und Hochmittelalter anzunehmen. Dies begünstigte Zuwanderung, schrittweise Integration und auch längere Koexistenz verschiedener Siedlungsgruppen unterschiedlicher Sprachgruppen. Die hochmittelalterliche Ostsiedlung durch mittel- und westeuropäische Siedler ist daher als Überlagerung bestehender Strukturen durch neue rechtliche und wirtschaftliche Ordnungen zu verstehen, keinesfalls als flächendeckender, ideologisch motivierter Verdrängungsprozess und Vertreibungspolitik der Bestandsbevölkerung, was schon alleine dadurch zu erkennen ist, dass die meisten der etablierten slawischen Siedlungsnamen bis heute gut ablesbar sind.

Der Name Stargard ist demgemäß auch slawischen Ursprungs und leitet sich aus stari („alt“) und gard („befestigter Ort“) ab. Frühformen wie Stargard (1124) oder Ztargart (1243) belegen eine ältere Befestigungsstruktur. Der Zusatz „an der Ihna“ diente später der Unterscheidung von gleichnamigen Orten.



Christianisierung

Im 12. Jahrhundert setzte die Christianisierung Pommerns ein. Die Missionstätigkeit Ottos von Bamberg (1124/1128) erfasste auch das Umfeld des späteren Stargard. Die Einführung kirchlicher Strukturen förderte die Integration in den christlich-lateinischen Kulturraum und bildete das eigentliche Fundament für spätere Verwaltungs- und Siedlungsentwicklungen.



Stadtwerdung und Hansezeit

Das 13. Jahrhundert war in weiten Teilen des östlichen Mitteleuropas durch eine Phase intensiver Stadtgründungen und Stadterhebungen geprägt. Auch Stargard wurde im Zuge dieser Entwicklung unter den pommerschen Herzögen planmäßig ausgebaut und mit Stadtrechten versehen. Mit der Verleihung des Magdeburger Stadtrechts im Jahr 1243 erhielt die Siedlung eine rechtliche und organisatorische Grundlage für Selbstverwaltung und wirtschaftliche Entwicklung. Das Magdeburger Recht gehörte zu einem weit verbreiteten Stadtrechtskreis, der im mitteldeutschen und ostmitteleuropäischen Raum vielfach übernommen und lokal angepasst wurde, unter anderem auch in den brandenburgischen Stadtgründungen.

Die Lage an den Handelswegen zwischen Oder und Ostsee ermöglichte die Einbindung in den hansischen Wirtschaftsraum. Der regionale Getreidehandel bildete die zentrale wirtschaftliche Grundlage. Der daraus resultierende Wohlstand spiegelt sich in der norddeutschen Backsteingotik, insbesondere der Marienkirche.



Die Ära der Greifen

Die Entwicklung Stargards im Mittelalter war eng in die Herrschafts- und Territorialstruktur des Hauses der Greifen eingebunden. Nach der Teilung des Herzogtums Pommern im Jahr 1295 wurde die Stadt dem Teilherzogtum Pommern-Stettin zugeordnet. Diese Teilung war Teil eines längerfristigen dynastischen Musters, in dem das pommersche Herzogtum wiederholt unter mehreren Linien der Greifen aufgeteilt und neu zusammengeführt wurde.

Im Verlauf des 14. Jahrhunderts verstärkte sich die landesherrliche Durchdringung der Städte, gleichzeitig nahm deren wirtschaftliche und rechtliche Eigenständigkeit innerhalb des Herzogtums zu. Stargard profitierte in dieser Phase von seiner Lage im Binnenhandelsnetz zwischen Oderraum und Ostseeküste sowie von seiner Funktion als regionaler Markt- und Verwaltungsort.

Mit der erneuten großräumigen Teilung von 1368 verschoben sich die politischen Zuordnungen innerhalb Pommerns erneut. Die Stadt blieb zwar im Einflussbereich der Greifen, wurde jedoch in unterschiedliche landesherrliche Konstellationen eingebunden, die sich auf Steuer-, Gerichts- und Militärorganisation auswirkten.

Im 14. und 15. Jahrhundert lässt sich eine zeitweise Aufwertung Stargards innerhalb der regionalen Städtehierarchie feststellen. Unter Herzog Bogislaw VIII. ist eine verstärkte landesherrliche Präsenz im Raum Stargard nachweisbar, die in der Forschung häufig mit einer zeitweisen Residenz- oder Aufenthaltsfunktion in Verbindung gebracht wird. Diese Phase ist durch eine engere Verknüpfung von herzoglicher Verwaltung, städtischer Wirtschaft und regionaler Herrschaftsausübung gekennzeichnet.

Der sogenannte Stargarder Städtekrieg im 15. Jahrhundert ist im Kontext zunehmender wirtschaftlicher Konkurrenz zwischen den Städten des Oder- und Ostseeraums zu sehen, insbesondere im Verhältnis zu Stettin. Konfliktgegenstände waren vor allem Handelsrechte, Stapel- und Zollfragen sowie die Kontrolle regionaler Verkehrs- und Handelswege entlang der Ihna und der Oderzuflüsse. Der Konflikt verdeutlicht die wachsende ökonomische Bedeutung Stargards innerhalb des städtischen Netzwerks, ohne dass daraus eine dauerhafte politische Dominanz resultierte.

Mit der Regierung Bogislaws X. kam es um 1500 zur erneuten Konsolidierung des Herzogtums Pommern. Die territoriale Einigung beendete die Phase häufiger dynastischer Teilungen und schuf stabilere Verwaltungsstrukturen, die jedoch bereits kurz darauf durch die Reformation erneut tiefgreifend verändert wurden.



Reformation und Dreißigjähriger Krieg

Die Einführung der Reformation im Herzogtum Pommern erfolgte 1534 auf dem Landtag von Treptow an der Rega. Sie war das Ergebnis eines landesherrlich gesteuerten Übergangs vom katholischen zum evangelischen Kirchenwesen. In der Folge wurden kirchliche Besitzstrukturen neu geordnet, Klöster aufgehoben oder umgewidmet und die kirchliche Verwaltung stärker an die landesherrliche Autorität gebunden. Stargard wurde Teil dieses Transformationsprozesses und in das evangelische Kirchen- und Schulwesen des Herzogtums integriert.

Im 17. Jahrhundert wurde die Stadt unmittelbar von den militärischen und wirtschaftlichen Belastungen des Dreißigjährigen Krieges erfasst. Durchziehende Truppen verschiedener Konfliktparteien führten zu wiederholten Einquartierungen, Abgabenlasten und Versorgungskrisen. Diese Faktoren wirkten sich sowohl auf die städtische Infrastruktur als auch auf die Bevölkerungsentwicklung aus.

Der Stadtbrand von 1635 ist im Zusammenhang der kriegsbedingten Zerstörungen und Versorgungszusammenbrüche zu sehen und verstärkte die bereits bestehende Krisensituation erheblich. In Verbindung mit Seuchen und wirtschaftlichem Niedergang führte dies zu einem deutlichen Rückgang der Leistungsfähigkeit der Stadt.

Mit dem Aussterben des Hauses der Greifen im Jahr 1637 endete die dynastische Eigenstaatlichkeit Pommerns. Die territoriale Neuordnung nach dem Westfälischen Frieden von 1648 führte zur Teilung des Landes, wobei Stargard zunächst unter schwedisch-brandenburgischen Einfluss geriet und schließlich dauerhaft an Brandenburg-Preußen fiel. Diese Eingliederung markierte den Übergang von der herzoglichen zur frühmodernen staatlichen Verwaltungsstruktur.



Demografische Entwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung spiegelt die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wider. Für das Mittelalter wird eine vergleichsweise hohe Einwohnerzahl angenommen, ohne dass belastbare Zählungen überliefert sind.

Nach den demografischen Einbrüchen infolge des Dreißigjährigen Krieges, die durch militärische Durchzüge, Einquartierungen und Kontributionslasten sowie durch wiederkehrende Seuchenzüge verursacht wurden, lag die Einwohnerzahl 1688 bei etwa 3.600. Der Stadtbrand von 1635 ist dabei im Zusammenhang der kriegsbedingten Zerstörungen und Versorgungszusammenbrüche zu sehen und verstärkte die bereits bestehende Krisensituation erheblich.

Im 18. Jahrhundert setzte ein moderates Wachstum ein und erreichte um 1740 etwa 5.500 Einwohner. Diese Entwicklung entspricht dem allgemeinen Trend der Konsolidierung innerhalb des preußischen Staates, in dem zahlreiche Provinzstädte langsam, aber stetig anwuchsen.

Im 19. Jahrhundert beschleunigte sich die Entwicklung deutlich: von rund 8.000 Einwohnern (1816) auf etwa 16.000 in der Mitte des Jahrhunderts und über 26.000 um 1900. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit Industrialisierung und Eisenbahnausbau, der Stargard in ein regionales Verkehrszentrum integrierte.

Bis 1914 stieg die Zahl auf rund 28.000 Einwohner. Die Vergleichbarkeit der Werte ist aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden eingeschränkt.



Stargard im preußischen Staat

Unter preußischer Herrschaft entwickelte sich Stargard zu einem dauerhaft etablierten Verwaltungs- und Militärstandort innerhalb der Provinz Pommern. Ab 1668 war die Stadt Sitz der pommerschen Regierung und damit eines der zentralen Verwaltungsorgane der Region. Diese Funktion ging mit der Ausrichtung auf zentrale staatliche Aufgaben wie Steuerverwaltung, Justizaufsicht und territoriale Organisation einher. Nach der Verlegung der Regierung nach Stettin im Jahr 1720 blieb Stargard jedoch ein bedeutender Standort untergeordneter Verwaltungs- und Gerichtsbehörden.

Die militärische Bedeutung der Stadt resultierte aus ihrer Lage im pommerschen Hinterland sowie aus der preußischen Festigungspolitik im 17. und 18. Jahrhundert. Garnisonsstrukturen beeinflussten Stadtentwicklung, Infrastruktur und soziale Zusammensetzung nachhaltig. Militärische Präsenz wirkte sich insbesondere auf Wohnbebauung, Versorgungssysteme und lokale Wirtschaftsstrukturen aus, da Handwerk und Gewerbe teilweise auf den Bedarf der Truppen ausgerichtet waren.

Im späten 17. Jahrhundert führte die gezielte Ansiedlung französischer Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) zu zusätzlichen wirtschaftlichen Impulsen. Diese Gruppen brachten handwerkliche Spezialkenntnisse, insbesondere im Textil- und Gewerbebereich, ein und wurden in bestehende städtische Wirtschaftsstrukturen integriert. Die Wirkung dieser Zuwanderung blieb regional begrenzt, trug jedoch zur Diversifizierung der städtischen Gewerbelandschaft bei.



Industrialisierung und Entwicklung bis 1918

Im 19. Jahrhundert wurde Stargard im Zuge der Industrialisierung zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt ausgebaut. Entscheidender Faktor war der Anschluss an das entstehende preußische Eisenbahnnetz ab 1846. In der Folge wurde die Stadt über mehrere Haupt- und Nebenstrecken mit Berlin, Stettin, Posen und Danzig verbunden, wodurch sie eine zentrale Funktion im regionalen Güter- und Personenverkehr einnahm.

Der Ausbau der Bahninfrastruktur führte zur Ansiedlung von Werkstätten, Ausbesserungsbetrieben und gewerblichen Unternehmen, insbesondere im Maschinenbau, in der Metallverarbeitung sowie in der Nahrungsmittelindustrie. Die wirtschaftliche Struktur verschob sich dadurch zunehmend von einer agrarisch geprägten Ackerbürgerstadt hin zu einem industriell und verkehrswirtschaftlich geprägten Standort.

Parallel dazu erfolgte der Ausbau öffentlicher Infrastruktur. Dazu gehörten moderne Bildungseinrichtungen, eine verbesserte medizinische Versorgung sowie kommunale Verwaltungsstrukturen, die den Anforderungen einer wachsenden Stadtbevölkerung angepasst wurden. Seit 1901 war Stargard als eigenständiger Stadtkreis organisiert, was seine administrative Eigenständigkeit innerhalb des Regierungsbezirks Stettin unterstreicht.

Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich Stargard zu einem regional bedeutenden Zentrum mit stabiler industrieller Basis, hoher verkehrsgeographischer Einbindung und ausgeprägter Verwaltungsfunktion. Die wirtschaftliche Entwicklung blieb dabei eng an die Rolle als Eisenbahnknoten und Versorgungsstandort für das östliche Hinterpommern gebunden.

Entwicklung nach 1919

Im Zuge der territorialen Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg veränderten sich die wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen in der Region. Für den östlichen Rand des ehemaligen Deutschen Reiches wird in der Forschung eine verstärkte Binnenwanderung im Zusammenhang mit Grenzverschiebungen und staatlicher Neuordnung diskutiert. Stargard selbst erlebte Zuwanderung aus östlichen, ehemals preußisch verwalteten Gebieten.»
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