Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697)
Verfasst: 26.03.2026, 18:58
Der erste Beitrag behandelt den Pfälzischen Erbfolgekrieg aus brandenburger Sicht.
Textzitat in voller Länge:
»Die brandenburgische Armee im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697)
Wenn es um die brandenburgisch-preußische Armee zur Zeit des Absolutismus geht, wird man unwillkürlich an den Kraftakt des Großen Kurfürsten als dessen Schöpfer denken oder an seinen gleichnamigen Enkelsohn, König Friedrich Wilhelm I., der die preußische Armee vervielfachte und drillen ließ, wie kein zweites Heer Europas. Schlussendlich denkt man natürlich an Friedrich den Großen, der das wirksame Abschreckungsinstrument des Vaters für seinen Eroberungskrieg gegen Maria Theresia nutzte und Preußen endgültig an den Tisch der Großmächte setzte. An wen man am wenigsten oder überhaupt nicht denkt, ist Kurfürst Friedrich III., der nachmalige König Friedrich I., bei dem man vor allem an einen luxuriösen Hof denkt und an das Urteil Friedrichs des Großen, der über den Großvater sagte, „er war groß im Kleinen und klein im Großen war!“.
Wegen dieses Urteils, dass die meisten preußischen Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts mehr oder minder kritiklos übernahmen, hat man ein verzerrtes Bild über den ersten preußischen König als obersten Kriegsherren.
Doch gleich zu Beginn seiner Regierungszeit, die wegen Erbstreitigkeiten mit seinen Halbgeschwistern schon verwickelt genug war, zeigte er gegen Frankreich und an der Seite des Kaisers sowie seines Verwandten, den Prinzen von Oranien, dass er aus eine klare Vision und feste Prinzipien hatte.
Der Pfälzische Erbfolgekrieg markiert für Brandenburg endgültig die Transformation von einer Mittelmacht zu einem militärischen Akteur europäischen Ranges. Kurfürst Friedrich III. nutzte das stehende Heer systematisch als machtpolitisches Instrument, um innerhalb der Großen Allianz gegen Ludwig XIV. eine tragende Rolle zu übernehmen.
Strategische Positionierung und Subsidienwesen
Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt 1688 positionierte sich Friedrich III. an der Seite Kaiser Leopolds I. und Wilhelms III. von Oranien. Die brandenburgische Armee verfügte über eine nominelle Gesamtstärke von etwa 30.000 Mann. Eine damals imposante Zahl, vor allem wenn man die Größe der dem Kurfürsten zur Verfügung stehenden Bevölkerung kannte. Er regiert über ein riesiges Ländergeflecht, das vom Rhein, über Weser, Elbe, Oder bis zu Memel, nur dünn besiedelt war.
Die Finanzierung dieser starken Streitkräfte wurde durch ein komplexes System von Subsidienverträgen gesichert. Aktenkundig sind hierbei insbesondere die Verträge mit den Generalstaaten (1688) und England (1689/90). Es zeigt, dass die Armee zum „Exportgut“ und zur politischen Währung Brandenburgs wurde. Friedrich III. begriff seine Regimenter als materielles Pfand: Jeder Einsatz für den Kaiser oder eine verbündete Großmacht war eine kalkulierte Vorleistung für die angestrebte Rangerhöhung zur Königswürde, die ihm zur Klammer für seine vielen verstreuten Länder werden sollte.
Bonn und Namur
Zwei Belagerungsoperationen verdeutlichen die Qualität der märkischen Truppen:
1. Die Belagerung von Bonn (1689): Die Rückeroberung der con den Franzosen besetzten kurkölnischen Residenzstadt war strategisch unerlässlich, um den französischen Brückenkopf am Niederrhein zu eliminieren. Brandenburg trug unter Generalfeldmarschall von Schöning die Hauptlast. Die „Relatio Obsidionis Bonnae“ sowie Berichte des Obersten von Weiler belegen den massiven Einsatz der brandenburgischen Artillerie als Schlüssel zum Erfolg. Friedrich III. war hierbei durchaus ganz vorne dabei und seine in den Belagerungsgräben ist durch Augenzeugenberichte (u.a. von Dohna) belegt; sie diente der Beglaubigung seines Führungsanspruchs im Sinne barocker Herrschaftsrepräsentation. Nach wochenlanger systematischer Beschießung kapitulierte die französische Besatzung am 12. Oktober 1689, nachdem die brandenburgischen Pioniere die Gräben bereits dicht unter die Mauern der Bonner Festung vorgeführt hatten.
2. Die Belagerung von Namur (1695): Die Rückeroberung dieser Festung gilt als bedeutendste operative Leistung der Allianz. Das brandenburgische Kontingent unter General von Heyden zeichnete sich durch methodische und staunenswert disziplinierte Vorgehensweise aus. Besonders die verlustreiche Erstürmung des Werkes „Terra Nova“ demonstrierte die Standfestigkeit der märkischen Fußtruppen. Alliierte Depeschen Wilhelms III. lobten explizit die brandenburgische Disziplin bei diesem Angriff, trotz schwerer Verluste, was den militärischen Wert der Truppe jenseits der subjektiven Eigendarstellung von einer objektiven dritten Seite bezeugt ist.
Anerkennung aber auch Ressentiments
Innerhalb der Alliierten galt das brandenburgische Korps faktisch als das schlagkräftigste Kontingent unter den Truppen der Reichsstände und genoss gewisse Befehlsautonomie. Diese Stellung war jedoch Gegenstand konstanter Reibereien:
• Fachliche Ebene: Militärische Praktiker wie Wilhelm III. von Oranien schätzten die Brandenburger als verlässliche Truppen, gut ausgerüstet, diszipliniert und mit Todesverachtung kämpfend. Die Seemächte aus England und den Niederlanden akzeptierten demgemäß in den Subsidienverträgen erheblich höhere Sätze für märkische Regimenter – was neben dem genannten auch mit dem überlegenen Ausrüstungsstandards begründet wurde (z.B. eigenes Magazinsystem).
• Politische Ebene (Konkurrenz im Reich): Der Vorwurf des „Soldatenhandels“ ist als politischer Kampfbegriff in der zeitgenössischen Publizistik Hannovers und Sachsens nachweisbar. Er diente dazu, die militärische Professionalität Brandenburgs zu diskreditieren.
• Die kaiserliche Strategie der Marginalisierung: Der Wiener Hof unter Leopold I. betrachtete die brandenburgische Militärmacht mit tiefem Misstrauen. In den offiziellen kaiserlichen „Relationen“ und im „Theatrum Europaeum“ lässt sich nachweisen, dass der Anteil der Brandenburger an Erfolgen oft marginalisiert wurde. Diese Herabstufung war eine gezielte diplomatische Defensivstrategie: Hätte Wien die brandenburgische Armee offiziell als maßgeblich, gar kriegsentscheidend anerkannt, wäre man Friedrichs Ansinnen, sein Haus durch Standeserhöhung über die anderen Fürsten im Reich zu stellen, kaum mehr Herr geworden.
Die Armee als Visitenkarte
Die Instrumentalisierung der militärischen Leistung für die Rangerhöhung ist durch die Instruktionen für den brandenburgischen Gesandten in Wien, Lorenz George von Krockow (1695/96), zweifelsfrei belegt. Krockow erhielt die Anweisung, die Erfolge bei Namur direkt mit der Forderung nach der Königswürde zu verknüpfen. Die Armee fungierte als wichtigstes Argument für Friedrichs Ranganspruch. Wenn es auch nicht der Pfälzer Erbfolgekrieg war, sondern letztlich der bevorstehende Spanische Erbfolgekrieg, so war es doch die Armee, die den Hohenzollern die Königskrone einbrachte und die tiefe Verbundenheit des Herrscherhaus mit der Armee erklärt.
Die Leistungen der brandenburgischen Armee zwischen 1688 und 1697 waren das Resultat einer konsequenten Professionalisierung und einer effizienten Verknüpfung von Militärwesen und Diplomatie. Friedrich III. bewies, dass Brandenburg in der Lage war, die logistischen und personellen Lasten eines großen europäischen Konflikts dauerhaft zu tragen. Dass er trotz der nachweisbaren Schmälerungen durch die kaiserliche Diplomatie im Jahr 1701 die Anerkennung der Königswürde durchsetzte, belegt die faktische Bedeutung der Schlagkraft seiner Regimenter als unumstößliche Grundlage des preußischen Aufstiegs.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1cLxea9FYU/
mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
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»Die brandenburgische Armee im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697)
Wenn es um die brandenburgisch-preußische Armee zur Zeit des Absolutismus geht, wird man unwillkürlich an den Kraftakt des Großen Kurfürsten als dessen Schöpfer denken oder an seinen gleichnamigen Enkelsohn, König Friedrich Wilhelm I., der die preußische Armee vervielfachte und drillen ließ, wie kein zweites Heer Europas. Schlussendlich denkt man natürlich an Friedrich den Großen, der das wirksame Abschreckungsinstrument des Vaters für seinen Eroberungskrieg gegen Maria Theresia nutzte und Preußen endgültig an den Tisch der Großmächte setzte. An wen man am wenigsten oder überhaupt nicht denkt, ist Kurfürst Friedrich III., der nachmalige König Friedrich I., bei dem man vor allem an einen luxuriösen Hof denkt und an das Urteil Friedrichs des Großen, der über den Großvater sagte, „er war groß im Kleinen und klein im Großen war!“.
Wegen dieses Urteils, dass die meisten preußischen Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts mehr oder minder kritiklos übernahmen, hat man ein verzerrtes Bild über den ersten preußischen König als obersten Kriegsherren.
Doch gleich zu Beginn seiner Regierungszeit, die wegen Erbstreitigkeiten mit seinen Halbgeschwistern schon verwickelt genug war, zeigte er gegen Frankreich und an der Seite des Kaisers sowie seines Verwandten, den Prinzen von Oranien, dass er aus eine klare Vision und feste Prinzipien hatte.
Der Pfälzische Erbfolgekrieg markiert für Brandenburg endgültig die Transformation von einer Mittelmacht zu einem militärischen Akteur europäischen Ranges. Kurfürst Friedrich III. nutzte das stehende Heer systematisch als machtpolitisches Instrument, um innerhalb der Großen Allianz gegen Ludwig XIV. eine tragende Rolle zu übernehmen.
Strategische Positionierung und Subsidienwesen
Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt 1688 positionierte sich Friedrich III. an der Seite Kaiser Leopolds I. und Wilhelms III. von Oranien. Die brandenburgische Armee verfügte über eine nominelle Gesamtstärke von etwa 30.000 Mann. Eine damals imposante Zahl, vor allem wenn man die Größe der dem Kurfürsten zur Verfügung stehenden Bevölkerung kannte. Er regiert über ein riesiges Ländergeflecht, das vom Rhein, über Weser, Elbe, Oder bis zu Memel, nur dünn besiedelt war.
Die Finanzierung dieser starken Streitkräfte wurde durch ein komplexes System von Subsidienverträgen gesichert. Aktenkundig sind hierbei insbesondere die Verträge mit den Generalstaaten (1688) und England (1689/90). Es zeigt, dass die Armee zum „Exportgut“ und zur politischen Währung Brandenburgs wurde. Friedrich III. begriff seine Regimenter als materielles Pfand: Jeder Einsatz für den Kaiser oder eine verbündete Großmacht war eine kalkulierte Vorleistung für die angestrebte Rangerhöhung zur Königswürde, die ihm zur Klammer für seine vielen verstreuten Länder werden sollte.
Bonn und Namur
Zwei Belagerungsoperationen verdeutlichen die Qualität der märkischen Truppen:
1. Die Belagerung von Bonn (1689): Die Rückeroberung der con den Franzosen besetzten kurkölnischen Residenzstadt war strategisch unerlässlich, um den französischen Brückenkopf am Niederrhein zu eliminieren. Brandenburg trug unter Generalfeldmarschall von Schöning die Hauptlast. Die „Relatio Obsidionis Bonnae“ sowie Berichte des Obersten von Weiler belegen den massiven Einsatz der brandenburgischen Artillerie als Schlüssel zum Erfolg. Friedrich III. war hierbei durchaus ganz vorne dabei und seine in den Belagerungsgräben ist durch Augenzeugenberichte (u.a. von Dohna) belegt; sie diente der Beglaubigung seines Führungsanspruchs im Sinne barocker Herrschaftsrepräsentation. Nach wochenlanger systematischer Beschießung kapitulierte die französische Besatzung am 12. Oktober 1689, nachdem die brandenburgischen Pioniere die Gräben bereits dicht unter die Mauern der Bonner Festung vorgeführt hatten.
2. Die Belagerung von Namur (1695): Die Rückeroberung dieser Festung gilt als bedeutendste operative Leistung der Allianz. Das brandenburgische Kontingent unter General von Heyden zeichnete sich durch methodische und staunenswert disziplinierte Vorgehensweise aus. Besonders die verlustreiche Erstürmung des Werkes „Terra Nova“ demonstrierte die Standfestigkeit der märkischen Fußtruppen. Alliierte Depeschen Wilhelms III. lobten explizit die brandenburgische Disziplin bei diesem Angriff, trotz schwerer Verluste, was den militärischen Wert der Truppe jenseits der subjektiven Eigendarstellung von einer objektiven dritten Seite bezeugt ist.
Anerkennung aber auch Ressentiments
Innerhalb der Alliierten galt das brandenburgische Korps faktisch als das schlagkräftigste Kontingent unter den Truppen der Reichsstände und genoss gewisse Befehlsautonomie. Diese Stellung war jedoch Gegenstand konstanter Reibereien:
• Fachliche Ebene: Militärische Praktiker wie Wilhelm III. von Oranien schätzten die Brandenburger als verlässliche Truppen, gut ausgerüstet, diszipliniert und mit Todesverachtung kämpfend. Die Seemächte aus England und den Niederlanden akzeptierten demgemäß in den Subsidienverträgen erheblich höhere Sätze für märkische Regimenter – was neben dem genannten auch mit dem überlegenen Ausrüstungsstandards begründet wurde (z.B. eigenes Magazinsystem).
• Politische Ebene (Konkurrenz im Reich): Der Vorwurf des „Soldatenhandels“ ist als politischer Kampfbegriff in der zeitgenössischen Publizistik Hannovers und Sachsens nachweisbar. Er diente dazu, die militärische Professionalität Brandenburgs zu diskreditieren.
• Die kaiserliche Strategie der Marginalisierung: Der Wiener Hof unter Leopold I. betrachtete die brandenburgische Militärmacht mit tiefem Misstrauen. In den offiziellen kaiserlichen „Relationen“ und im „Theatrum Europaeum“ lässt sich nachweisen, dass der Anteil der Brandenburger an Erfolgen oft marginalisiert wurde. Diese Herabstufung war eine gezielte diplomatische Defensivstrategie: Hätte Wien die brandenburgische Armee offiziell als maßgeblich, gar kriegsentscheidend anerkannt, wäre man Friedrichs Ansinnen, sein Haus durch Standeserhöhung über die anderen Fürsten im Reich zu stellen, kaum mehr Herr geworden.
Die Armee als Visitenkarte
Die Instrumentalisierung der militärischen Leistung für die Rangerhöhung ist durch die Instruktionen für den brandenburgischen Gesandten in Wien, Lorenz George von Krockow (1695/96), zweifelsfrei belegt. Krockow erhielt die Anweisung, die Erfolge bei Namur direkt mit der Forderung nach der Königswürde zu verknüpfen. Die Armee fungierte als wichtigstes Argument für Friedrichs Ranganspruch. Wenn es auch nicht der Pfälzer Erbfolgekrieg war, sondern letztlich der bevorstehende Spanische Erbfolgekrieg, so war es doch die Armee, die den Hohenzollern die Königskrone einbrachte und die tiefe Verbundenheit des Herrscherhaus mit der Armee erklärt.
Die Leistungen der brandenburgischen Armee zwischen 1688 und 1697 waren das Resultat einer konsequenten Professionalisierung und einer effizienten Verknüpfung von Militärwesen und Diplomatie. Friedrich III. bewies, dass Brandenburg in der Lage war, die logistischen und personellen Lasten eines großen europäischen Konflikts dauerhaft zu tragen. Dass er trotz der nachweisbaren Schmälerungen durch die kaiserliche Diplomatie im Jahr 1701 die Anerkennung der Königswürde durchsetzte, belegt die faktische Bedeutung der Schlagkraft seiner Regimenter als unumstößliche Grundlage des preußischen Aufstiegs.«
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