17. Dezember 1890 - Abschied vom Humboldt’schen Geist
Verfasst: 17.12.2025, 15:06
Textzitat in voller Länge:
»„Wir müssen junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.“
— Kaiser Wilhelm II.,
Heute vor exakt 135 Jahren endete die von Wilhelm II. einberufene preußische Schulkonferenz – die als „Dezember-Konferenz“ in die Geschichte einging. Was als bildungspolitische Reform begann, war im Kern ein kulturkämpferischer Akt: Der junge Monarch forderte den Bruch mit dem neuhumanistischen Ideal. Er wollte pragmatische, an die Bedürfnisse der Zeit angepasste Schulbildung, und er wollte den treuen Staatsbürger in den Schulen herangezogen wissen. Hierin sah er das effizienteste Mittel im Kampf gegen die „sozialistischen Umtriebe“.
Wilhelm II., der die Konferenz gegen den Widerstand des hochkonservativen preußischen Kultusministers Gustav Konrad Heinrich von Goßler durchsetzte, eröffnete sie persönlich. Er sprach nicht allein als Landesvater, sondern als ehemaliger Abiturient: geprägt von der Rigidität und „Lebensfremdheit“, die er während seiner eigenen Schulzeit am Kasseler Friedrichsgymnasium erlebt hatte, machte er aus seiner Aversion gegen die „Philologenherrschaft“ keinen Hehl.
Sein Diktum hallte auch am Abschlusstag der Konferenz nach: Man solle „nationale junge Deutsche“ formen, so der genaue Wortlaut, keine Weltbürger der Antike. Der Satz ist mehr als ein Aphorismus; er ist das Destillat einer Epoche, die begann, das Nützliche über das Erhabene zu stellen.
Die Analyse dieses 17. Dezembers offenbart den fundamentalen Konflikt des späten 19. Jahrhunderts: Auf der einen Seite die alte, gelehrt-bürgerliche Elite, die im Lateinischen und Griechischen nicht nur Vokabeln, sondern eine Charakterschule sah. Auf der anderen Seite der wilhelminische Modernismus, der nach Ingenieuren, Beamten und patriotisch gefestigten Untertanen verlangte. Wilhelm II. verabscheute das „Lernen für die Schule“; er wollte ein Lernen für das Leben und dahingehend für den Staat. Für ihn sollte die Schule der Ort des Kampfes gegen die „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie und für den Platz an der Sonne sein.
Das Ergebnis der Konferenz war eine Abkehr von der Ästhetik hin zur Pragmatik. Der Deutschunterricht, die vaterländische Geschichte, Naturwissenschaften und moderne Fremdsprachen gewannen an Boden, während das Lateinische seinen Hegemonialstatus verlor. Man darf dies durchaus als notwendige Modernisierung begreifen – Preußen war 1890 ein Industriestaat auf höchstem Weltniveau und keine antike Polis, wo auf den öffentlichen Plätzen philosophiert wurde.
Doch der Preis war hoch. Mit dem 17. Dezember 1890 begann der schleichende Prozess, Bildung zunehmend als Ausbildung zu definieren. Der Geist von 1810, der auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit setzte, wich dem Geist von 1890, der die funktionale Verwertbarkeit des Individuums im nationalen und wirtschaftlichen Kollektiv suchte. Wenn wir heute, 135 Jahre später, auf dieses Jubiläum blicken, sehen wir den Moment, an dem Preußen aufhörte seine Jugend geistig zu „bilden“, sondern zu „rüsten“ für den Bedarf des Staates und die Industrie. Es war der Sieg des Realismus über den Idealismus – ein Sieg, der den kulturellen Resonanzraum Deutschlands nachhaltig verengen sollte.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1DGpjNyRqm/
Mit freundlicher Genehmigung von 𝔇𝔦𝔢 𝔐𝔞𝔯𝔨 𝔅𝔯𝔞𝔫𝔡𝔢𝔫𝔟𝔲𝔯𝔤
»„Wir müssen junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer.“
— Kaiser Wilhelm II.,
Heute vor exakt 135 Jahren endete die von Wilhelm II. einberufene preußische Schulkonferenz – die als „Dezember-Konferenz“ in die Geschichte einging. Was als bildungspolitische Reform begann, war im Kern ein kulturkämpferischer Akt: Der junge Monarch forderte den Bruch mit dem neuhumanistischen Ideal. Er wollte pragmatische, an die Bedürfnisse der Zeit angepasste Schulbildung, und er wollte den treuen Staatsbürger in den Schulen herangezogen wissen. Hierin sah er das effizienteste Mittel im Kampf gegen die „sozialistischen Umtriebe“.
Wilhelm II., der die Konferenz gegen den Widerstand des hochkonservativen preußischen Kultusministers Gustav Konrad Heinrich von Goßler durchsetzte, eröffnete sie persönlich. Er sprach nicht allein als Landesvater, sondern als ehemaliger Abiturient: geprägt von der Rigidität und „Lebensfremdheit“, die er während seiner eigenen Schulzeit am Kasseler Friedrichsgymnasium erlebt hatte, machte er aus seiner Aversion gegen die „Philologenherrschaft“ keinen Hehl.
Sein Diktum hallte auch am Abschlusstag der Konferenz nach: Man solle „nationale junge Deutsche“ formen, so der genaue Wortlaut, keine Weltbürger der Antike. Der Satz ist mehr als ein Aphorismus; er ist das Destillat einer Epoche, die begann, das Nützliche über das Erhabene zu stellen.
Die Analyse dieses 17. Dezembers offenbart den fundamentalen Konflikt des späten 19. Jahrhunderts: Auf der einen Seite die alte, gelehrt-bürgerliche Elite, die im Lateinischen und Griechischen nicht nur Vokabeln, sondern eine Charakterschule sah. Auf der anderen Seite der wilhelminische Modernismus, der nach Ingenieuren, Beamten und patriotisch gefestigten Untertanen verlangte. Wilhelm II. verabscheute das „Lernen für die Schule“; er wollte ein Lernen für das Leben und dahingehend für den Staat. Für ihn sollte die Schule der Ort des Kampfes gegen die „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie und für den Platz an der Sonne sein.
Das Ergebnis der Konferenz war eine Abkehr von der Ästhetik hin zur Pragmatik. Der Deutschunterricht, die vaterländische Geschichte, Naturwissenschaften und moderne Fremdsprachen gewannen an Boden, während das Lateinische seinen Hegemonialstatus verlor. Man darf dies durchaus als notwendige Modernisierung begreifen – Preußen war 1890 ein Industriestaat auf höchstem Weltniveau und keine antike Polis, wo auf den öffentlichen Plätzen philosophiert wurde.
Doch der Preis war hoch. Mit dem 17. Dezember 1890 begann der schleichende Prozess, Bildung zunehmend als Ausbildung zu definieren. Der Geist von 1810, der auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit setzte, wich dem Geist von 1890, der die funktionale Verwertbarkeit des Individuums im nationalen und wirtschaftlichen Kollektiv suchte. Wenn wir heute, 135 Jahre später, auf dieses Jubiläum blicken, sehen wir den Moment, an dem Preußen aufhörte seine Jugend geistig zu „bilden“, sondern zu „rüsten“ für den Bedarf des Staates und die Industrie. Es war der Sieg des Realismus über den Idealismus – ein Sieg, der den kulturellen Resonanzraum Deutschlands nachhaltig verengen sollte.«
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