RGW-Staaten im wirtschaftl. Leerlauf ab den 1980ern

Zwei Supermächte stehen sich gegenüber: Vereinigte Staaten gegen die UdSSR

Moderator: Barbarossa

andreassolar
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Wir finden ab den 1980ern deutliche Zeichen massiver wirtschaftl. & finanzieller Probleme im RGW, so in Polen, Rumänien, der DDR wie auch in der SU selbst.

Alle drei erst genannten beschritten ab den 1970ern den Weg des deficit spending, gaben mehr aus, als der Generalunternehmer 'Staat' einnahm. Zuvor galt entlang der sozialistischen Sparsamkeit die Regel, nur auszugeben, was zuvor erwirtschaftet worden war bzw. erwirtschaftet werden konnte.

Die polnische wie rumänische Regierung kauften in der 1970ern auf Pump in Westen Industrieanlagen, in dem Irrglauben, mit diesen Anlagen so eine Art industrielle Selbstläufer und wundersamen Nukleus für weiteres Industriewachstum erlangt zu haben. Für weitere, qualifizierte Arbeitsplätze, mehr Steuereinnahmen & eine Steigerung exportfähiger DevisenbringerProdukte.

Die DDRFührung beschaffte im 'Westen' ab den 1970ern Industrieprodukte, Halbprodukte und hochwertige Konsumgüter.

Alle drei genannten RGWStaaten planten im Gegenzug eine steigende Exportquote eigener Produkte in die westlichen Märkte. Was nur begrenzt gerade mit den eigentlich angestrebten devisenbringenden hochwertigen Produkten gelang.

Statt dessen wurden verstärkt Massenprodukte zu günstigen Preisen im Westen verkauft, die
1. weitaus weniger Devisen einbrachten
2. viel zu teuer im eigenen Land hergestellt wurden und
3. daher eigentlich viel zu billig im NSW verkauft wurden.

Anfang der 1980er waren bei allen drei genannten RGWStaaten die angewachsenen Kreditschulden nur noch durch neue weitere, westliche Kreditaufnahmen finanzierbar. Was für die polnische wie rümanische Regierung keine westliche Bank mehr leisten wollte. In Polen auch wg. der Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981.
Die DDRRegierung dagegen erreichte dank westdt. Bundesbürgschaft die beiden 'Milliardenkredite'.

So ungefähr & leicht verkürzt

Und die Sowjetunion? Fortsetzung folgt.
andreassolar
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Im August 1981 trafen sich Staats- und Parteichef Honecker, DDR, und Leonid Breshnew auf der Krim - Honecker bat um weitere Kredite bzw. wohl um eine Erhöhung der Kreditlinie im Handel mit der UdSSR, zur Entlastung der Kreditsituation der DDR-Administration insgesamt.

Soweit erinnerlich, sollte/durfte die DDR-Administration im Außenhandel mit der UdSSR die Lieferungen aus der UdSSR in die DDR nicht mit Zahlungen ausgleichen, sondern vor allem mit guten Industrieprodukten, daran war man in der UdSSR angesichts der industriellen Leistungsfähigkeit der DDR - im RGW-Vergleich wohlgemerkt - vor allem interessiert. Diese Produkte hätte die Ostberliner Administration lieber im westlichen NSW zur Devisenerwirtschaftung angeboten, und damit zur Senkung der West-Schulden.

Breshnew lehnte jedenfalls die Kredit-Wünsche Honeckers im August 1981 ab, da die Sowjetunion selber in einer wirtschaftlichen und finanziellen Klemme steckte. Ein unmittelbarer Auslöser dafür waren wohl die Missernten in der sowjetischen Landwirtschaft seit den späteren 1970er, man musste in großem Umfang beispielsweise Getreide/Weizen in den USA aufkaufen. Dafür hatte man anscheinend schon erhebliche 'Reserven' aktivieren müssen - und das in Zeiten, in welchen der rasant gestiegene, sehr hohe Erdöl-Preis mitsamt dem hohen Erdgas-Preis der sowjetischen Regierung enorme Devisenerlöse durch den großen Export in den NSW einbrachte.

Weiterhin erklärte Breshnew auf der Krim Honecker gegenüber, dass eine nennenswerte Senkung der Erdöl-Lieferungen in die DDR von Seiten der UdSSR zu erwarten sei.
Offenkundig wollte die sowjetische Führung noch mehr Erdöl ins NSW gegen harte Devisen exportieren können.
andreassolar
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Valentin Falin hatte in seinen Erinnerungen (1993) bemerkt, einer der Gründe des wirtschaftl. Niedergangs der Sowjetunion sei gewesen, dass die Doppelstruktur von dominierender Partei- und deutlich nachgeordneter Regierungsführung dazu geführt habe, dass sachlich u. fachlich angebrachte Entscheidungen auf Regierungsebene zu stark der Parteiführung untergeordnet bzw. durch Partei-Einrichtungen unterlaufen wurden.

So sei Regierungschef Kossygin mit seinen wirtschaftlich sinnvollen Reformbemühungen & -Vorschlägen auf Regierungsebene weitgehend von der Partei u. den mächtigeren Parteistrukturen ausgebremst worden (obwohl oder gerade weil er nicht nur Textilwirtschaft studiert, sondern auch als Direktor einen Textilindustriebetrieb geleitet hatte).

Eine ähnliche Kritik hatte jedoch auch ein Bericht einer MfS-Abteilung der DDR 1982 angesicht der wirtschaftlichen Situation in der DDR geübt.
Auch dieser Bericht hatte diese Doppelstrukten mit gleicher Schieflage nun in der DDR als eines der Verursacher der wirtschaftlichen Probleme ausgemacht.
So plante die Staatliche Plankommission, gab Empfehlungen, warnte - eigentlich für die DDR-Regierung. Tatsächlich hatte auch das ZK der SED eben ein Planungsbüro eingerichtet, welches entlang des aktuellen Parteikurses bzw. der Positionen vor allem des Generalsekretärs plante. Selbstredent wurden die Pläne der Regierungsinstitution SPK entsprechend häufig vom entsprechenden ZK-Büro 'ergänzt' oder gleich in e. Politbürorunde korrigiert, auf Linie gebracht.

Nochmals retour zu Kossygin:
Nachdem seit Oktober 1973 die ernormen globalen Preissteigerungen beim Erdöl wie deutlich schwächer bei Erdgas der sowjet. Administration dank großer WestExporte wohl ernorme Deviseneinnahmen bescherte, verschwand bei der Partei jeder Reformwille auf wirtschaftlichem Gebiet.

Der Rückgang, dann Absturz der Energie-Rohstoffpreise ab 1983/1984 sorgte in der SU als Großexporteur für ein Erdbeben.
andreassolar
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Ob man die im RGW wohl überall dominierende Doppelstruktur von Regierungs- und Parteiebene mit den - zumindest ab den 1970ern - regelmäßig in wirtschaftlichen Reformfragen bzw. der Abkehr von der Finanzierbarkeit im Sinne der früher stärker prägenden 'sozialistischen Sparsamkeit' zugunsten (partei-)politischer Ziele gefallenen Entscheidungen als sowieso unvermeidlich, das systemimmanent betrachten darf, kann oder muss?
Klar ist, glaube ich zumindest, dass selbst schon die Erhaltungs- und Ersatzinvestitionen spätestens ab den 1970ern im RGW breit und deutlich zurück gingen.

Abgesehen von einigen, jeweils auserkorenen 'Leuchtturmprojekten', wie bereits angeführt, beispielsweise in der DDR, in Polen und Rumänien.


Jeronim Perović schreibt in Russlands Aufstieg zur Energiegroßmacht (OSTEUROPA, 63. Jg., 7/2013, S. 5–28, S. 28) u.a. entsprechend:
[...] Anfang der 1980er Jahre nahm die UdSSR 80 Prozent ihrer Devisen aus dem Energieexport ein. Dies bedeutete aber auch, dass sich die sowjetische Führung bei der Akquirierung von Fremdwährung nun nahezu vollständig von fossilen Energieträgern – und damit letztlich nur einem Exportgut – abhängig machte. Die Sowjetunion ging nicht deshalb unter, weil die Rohstoffpreise in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre einbrachen, denn trotz dieses Preisverfalls war der Export von Öl und Gas auch Ende der 1980er Jahre noch immer für rund 75 Prozent der Fremdwährungseinnahmen verantwortlich. Die Sowjetunion scheiterte, weil es ihr nicht gelang, der tiefgreifenden systemischen Krise Herr zu werden. Es waren die hohen Renditen aus dem Ölexport, welche die Anreize schwächten, die dringend nötigen Reformen durchzuführen. Anstatt etwa den Agrarsektor zu reformieren, suchte man durch kurzfristige Erhöhungen der Ölexporte Mittel einzunehmen, um Getreide im Ausland einzukaufen. [...]

Die Differenzierung trifft natürlich zu, wie oben schon angemerkt; der Energiepreiseinbruch war einer der Auslöser, doch nicht die Ursache oder auch nicht einer der Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang.
andreassolar
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Ein weiterer, vom RGW selbst zu verantwortender Grund für die massiven wirtschaftlichen Probleme im RGW spätestens ab den 1980ern waren jene eben nicht gemeinsam abgesprochenen Leuchtturm-Projekte in Bereich der Industrie. Hier fehlten wichtige Entscheidungen und Absprachen einer modernen, transnationalen Arbeitsteilung im Bereich der Projekte und Planungen der Wirtschafts- und Industriepolitik.

Ein typisches Leuchtturm-Projekt - in der eigenen Sicht - war die von der Honecker-Administration massiv, mit hohem Aufwand geförderte Industriebranche Mikroelektronik.
Sie konnte tatsächlich in den Jahren gewisse Erfolge vorzeigen, andererseits nahm der technologische Abstand zu westlichen Spitzenprodukten kontinuierlich zu. Gleichzeitig wurden die Produkte der DDR-Mikroelektronik mit hohem Aufwand hergestellt. Schon der erste Punkt verhinderte einen nennenswerten Export in 'westliche' Märkte, der zweite sorgte für nicht konkurrenzfähige Preise bzw. dafür, dass der Ertrag der Mikroelektronikindustrie weit unter den Investitionssummen blieb.

Doch dieser Industriebranche fehlte auch im RGW ein Massenmarkt, ein Absatzmarkt, der dann vielleicht dank höherer Produktionszahlen für eine Senkung der Stückkosten gesorgt hätte.
Denn im RGW wurden vielfach kaum Vereinbarungen getroffen und Planungen entworfen, welche einer modernen, hoch arbeitsteiligen Wirtschafts- und Industriepolitik in einem großen, gemeinsamen Wirtschaftsraum und Markt entsprachen. So hätte die Mikroelektronik Made in GDR in einem RGW-Markt durchaus Chancen gehabt - wenn es diesen gegeben hätte.

Statt dessen agierten die RGW-Mitgliedsstaaten untereinander wirtschafts- und industriepolitisch vielfach national und mit bilateralen Abkommen (mindestens ab den 1960ern). So wie die Honecker-Administration in den 1970ern ohne Absprache im RGW das Leuchtturmprojekt der Mikroelektronik generierte, in diesem Feld mit der SU konkurrierte, die natürlich ihren eigenen Produkte protegierte und energisch schützte, während die anderen RGW-Staaten auf halblegalen und Schleichwegen doch eher zu westlichen Produkten neigten.

Die DDR-Elektronik blieb so immer ein großes Zuschussgeschäft für die Ostberliner Administration. Und das Leuchtturmprojekt entwickelte sich eben nicht zum Selbstläufer, zum Nukleus einer um sich greifenden Innnovations- und Erfolgsbranche - es blieb stets ein Inselprojekt, welches isoliert zu große Finanz- und Wirtschafts-Ressourcen innerhalb der DDR-Volkswirtschaft in Beschlag nahm. Letzteres wurde durchaus immer wieder intern bemängelt und in Frage gestellt, so von SPK-Chef Schürer oder auch in entsprechenden Berichten des MfS. Allein, es halb nichts gegen Honeckers Präferenzen und seiner Unterstützer im ZK und PB.


Die mangelnden gemeinsamen Planungen und Absprachen innerhalb der RGW hingen jenseits sozialistischer BruderstaatenRhetorik schlicht auch damit zusammen, dass zuviel als geheim galt oder Verschlußsache gewesen war.

Die Chefs und ihre engsten Mitarbeiter der diversen Planungskommissionen im RGW treffen sich in Arbeitsrunden, um gemeinsame Pläne, Absprachen und auch Produktionsquoten zu erarbeiten? Und legen dabei offene, möglichst umfangreiche und ungeschönte Berichte und Zahlen zum IST-Zustand der eigenen Volkswirtschaft vor? ...
andreassolar
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Hier macht ein Vergleich mit der damaligen EWG und ihren eingerichteten Institutionen deutlich, dass im EWG-Raum echte nationale Wirtschaftskompetenzen u. -Befugnisse an EWG-Institutionen, an Binnenmarkt-Wirtschaftsregime delegiert wurden, nach und nach von ihnen ein vergleichsweise funktionierender Binnenmarkt entwickelt wurde, Korrekturen und Lenkungen bzw. Beeinflussungen und Stimulierungen wie Förderungen in abgestimmten Wirtschaftsbereichen möglich waren und durchgeführt wurden.
Ab den 1970er Jahren entwickelte die EWG u.a. mit tatkräftiger Hilfe von Willy Brandt ein verankertes Mitsprache- bis Mitwirkungsrecht bei bilateralen Wirtschaftsabkommen der EWG-Mitgliedsstaaten.

Das machte sich beispielsweise im innerdeutschen Handel bemerkbar, bei welchem die DDR-Produkte beim Import in die BRD nicht als Produkte aus dem Ausland galten und nicht verzollt wurden, obwohl sie damit auch in den EWG-Binnenmarkt eingeführt wurden.
Ab ca. 1975 nahmen die wirtschaftspolitisch notwendigen Absprachen und Abstimmungen zwischen der Bonner Administration und den EWG-Institutionen immer weiter zu, was beispielsweise die Importmenge bestimmter Waren und Warengruppen aus der DDR in die BRD betraf.

Vergleichbares ist zumindest mir bisher aus dem RGW nicht bekannt.
Der wirtschaftliche Hegemon im RGW war die UdSSR, auf welche letztlich eine gewisse, insgesamt viel zu wenig entwickelte und zu stark auf die UdSSR ausgerichtete Arbeitsteilung im RGW zurück ging.

Wie nun einige RGW-Mitgliedsstaaten ab Anfang der 1980er in eine veritable Kreditklemme und erhebliche wirtschaftliche Schieflage gerieten, gab es von der sowjetischen Führung keine Hilfe, keine Kredite, keine sonstigen wirtschaftlichen Hilfen und Vergünstigungen.

Sowenig wie die Wiederholung formelhafter Schlagworte von der Logik des Kapitalismus die differierenden Phasen und Wege diverser Länder ausreichend darstellen kann, sowenig sind 'sozialistische' Regime notorisch wie unweigerlich wirtschaftlich zum Niedergang verurteilt. Wie beispielsweise die wirtschaftlichen Entwicklungen der VR China und Vietnams seit Jahrzehnten belegen.

Ein Vergleich zwischen den Reformansätzen u.a. der SU unter Gorbatschow und jenen in der VR China und Vietnam ist ein ganz kurzer Ausflug wert.
andreassolar
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Sowohl in China bereits ab Ende der 1970er wie in Vietnam ab 1986 wurden pragmatisch aufgrund mangelnder landwirtschaftlicher Erträge der kollektivierten Landwirtschaftsbetrieb zunächst lokal und versuchsweise (China) Privatbewirtschaftung und Gewinnerzielung zugelassen. Das Gemeineigentum wurde dabei nicht privatisiert, verkauft und aufgeteilt.

In beiden Fällen gab es ein Plan-Soll und Plan-Preise für das Plan-Soll, für die Ablieferung an den Staat. Was darüber hinaus landwirtschaftlich produziert wurde, konnte der oder die Privatbewirtschafter(in) frei und lokal zu Marktpreisen verkaufen, den Gewinn - nach Steuern - behalten.
Diese zunächst versuchsweise pragmatische und lokale Vorgehensweise von örtlichen bzw. regionalen Parteiführern ohne alle theoretische oder ideologische Begründung zeigte in jenen chinesischen Gebieten umgehend Erfolg durch rasch und deutlich steigende landwirtschaftliche Erträge. Das Modell wurde so nach und nach in weitere Regionen ausgeweitet.

Und übertragen: Auf Handwerk, Klein- und Kleinstgewerbe. Die erwirtschafteten privaten Gewinne führten zu weiteren privaten Investitionen, Neugründungen usw.

Ich glaube, ab den 1990ern wurde der Handel in gewissen Bereichen liberalisiert, Eigentums- und Investitionsrechtsgrundlagen geschaffen bzw. verbessert. Ausländische Investoren und Investitionen zugelassen und dann gefördert.

Dabei blieb ein umfangreicher Produktionssektor in staatlich-öffentlicher Hand immer bestehen, wenngleich in vielen Bereichen weit größere Entscheidungskompetenzen in die Betriebe verlagert wurde und diese eben auch Gewinn erwirtschaften durften. Ebenso blieb das Machtmonopol und die umfangreichen Kontrollmöglichkeiten der jeweiligen sozialistischen Parteien in China wie in Vietnam insgesamt bestehen.

Diese nur rudimentäre, naja, ungefähre Skizze kann den offenkundigen Unterschied zu den spätsowjetischen Reformbemühungen deutlich machen:
Die chinesischen wie vietnamesischen Wirtschaftsreformen begannen vorsichtig, lokal und dörflich ganz unten bei der einfachen Landwirtschaft, bei den kleinen und größeren Dörfern mit ihrem kollektivierten, jedoch immer noch eher dörflich-kleinen Landwirtschaftsbetrieben, in welchen ihre Mitglieder nun in eigener, individueller Verantwortung Land bewirtschaften, den Mehrertrag verkaufen und damit Gewinn machen durften.

Dergleichen existierte nach den Zwangskollektivierungen zu landwirtschaftlich-industriellen Groß- und Riesenbetrieben in der UdSSR jenseits gewachsener Dörfer und Strukturen praktisch nicht mehr. In der späten SU fehlten weitgehend die Kleinbetriebe, das Kleinstgewerbe, handwerkliche Klein- und Kleinbetriebe, eben jene Basis, in welcher sowohl in China wie in Vietnam wesentlich Innovation und Kleinkapital, Unternehmertum und marktnahes Handeln und Produzieren generiert wurden, die Ausgangsbasis für die weitere, spätere wirtschaftliche Entwicklung.

Genauso wichtig war die chinesische Innovation, dass Privatbewirtschafter eben ein Plan-Soll zu Plan-Preisen abzuliefern hatten - bzw. sollten.....

Die spätsowjetischen Reformen hatten es mit industrieller Groß-Landwirtschaft sozialistischer Form zu tun, mit einer schon vollständig ausgebauten, industriellen wie ineffizienten und wenig wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft, einem Moloch an öffentlicher Verwaltung, alles überdeckt durch den eher schädlichen Rohstoffreichtum, der Devisen und Einnahmen generierte, als Reformen dringend geboten gewesen waren. Von der Korruption, den informellen, gerne auch geheimdienstnahen Seilschaften, die Ressourcen und wichtige, auch devisenstarke Güter verschoben und verschacherten, ganz zu schweigen.
andreassolar
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Beim chinesischen Beispiel leisteten die seit den 1980ern nach u. nach eingerichteten, reformgeprägten Sonderwirtschaftszonen gute Dienste für die Entwicklung von Gewerbe & Industrie, die Pekinger Administration hatte unter Deng bereits ab 1979 ergänzend erste Schritte eingeleitet Richtung Öffnung hin bzw. Orientierung an den internationalen Märkten.

Überraschend bietet Hertle/Jarausch (Hg.), Risse im Bruderbund. Die Gespräche Honecker-Breshnew 1974 bis 1982 (2006), einen sehr guten Einblick und in der Einführung u.a. einen ebenso guten Abriss zum Thema Wirtschaft und Wirtschaftsbeziehungen im RGW, wie auch in der DDR, der SU und zwischen beiden.

Überraschend, wie oft und lange und teils detailliert Honecker und Breshnew über die Wirtschaft, die Wirtschaftspläne und die Landwirtschaft reden. Über Qualitäts-Mängel, tolle Pläne und tolle Plan-Übererfüllungen, Investitionsverzögerungen, die Petrochemie, Exporte in den NSW, die RGW-Zusammenarbeit, die Rohstoffpreise im RGW, die Verschuldung im und wirtschaftlichen Abhängigkeiten vom 'Westen', das Wetter und die Ernteaussichten, das Wetter und die Getreideerträge, das Winter-, Frühjahr- und Sommerwetter und die landwirtschaftlichen Arbeiten, die unvermeidlichen Getreideeinkäufe im imperialistisch-kapitalistischen 'Westen' schon seit 1974, usw. usw.

Aus verschiedenen Gründen wird sich die sowjet. Führung die bemerkenswert erfolgreichen Experimente, Versuche und Teil-Liberalisierungen in gewissen Bereichen der Wirtschaft/Landwirtschaft u. Regionen Chinas n i c h t zum Vorbild genommen haben:
  • wegen des langjährigen Spannungsverhältnis mit Peking aufgrund Macht-, Führungs- u. ideologischer Konkurenz
  • wegen des Selbstverständnis als Weltmacht u. Hegemon mit globaler Reichweite
  • wegen des im Vergleich zum damaligen China schon längere Zeit fortgeschrittenen Industrialisierungsgrades, selbst auch und gerade in der Landwirtschaft - während die chinesischen Privatbewirtschaftungsversuche auf der Mikroebene relativ kleinteiliger u. einfacher Dorflandwirtschaft reseten konnte, ebenso beim Kleinst- u. Kleinhandwerk und -gewerbe
  • wegen der in der SU schon verbreiteten Korruption, den damit verbundenen informellen Netzwerken und Kanälen mit Zugriff auf Waren u. Ressoursen
  • letzlich auch wg. der lange & fest verankerten Zentralverwaltungswirtschaft samt ihrer tradierten Mentalität
  • während es in China zunächst nur um lokale, dann regionale Verbesserungen bei den landwirtschaftlichen Erträgen ging, glich die spätsowjetische Ökonomie eher einem rostigen, überladenen u. veralteten gewaltigen Supertanker mit nur teilweise funktionsfähiger Steuerung, zu schwacher Motorisierung und Kurs ohne Radar durch Nebelbänke in flaches Gewässer mit Felsbänken
andreassolar
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Nachtrag China

Schwach erinnerte ich mich entlang meiner entsprechenden 'maoistischen' Lektüre vom Anfang der 1980er daran, dass es beim Großen Sprung nach vorn zum Programm gehörte, dass Dörfer u. Gemeinden eigene kleine Produktionsbetriebe & Fabriken gründen sollten - jene bekannten Hinterhof-Hochöfen zur Eisenproduktion gehören hierher - um die großen Unterschiede zw. Stadt u. Land zu reduzieren.

Diese ländlichen kommunalen, kleinen u. kleinsten Produktionsbetriebe noch aus der Phase des Großen Sprungs in Eigenregie waren ab Anfang der 1980er im Rahmen zunächst lokaler Teil-Lieberalisierungen die andere wichtige Säule erfolgreicher, zeitweise ungemein erfolgreicher privatwirtschaftlicher-nichtstaatlicher Betätigung mit Gewinnerwirtschaftungsmöglichen im ländlichen Raum.

Stütze: Klaus Mühlhahn, Geschichte des modernen China (2021), ab Seite 551.
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Balduin
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Spannendes Thema!
Dafür hatte man anscheinend schon erhebliche 'Reserven' aktivieren müssen - und das in Zeiten, in welchen der rasant gestiegene, sehr hohe Erdöl-Preis mitsamt dem hohen Erdgas-Preis der sowjetischen Regierung enorme Devisenerlöse durch den großen Export in den NSW einbrachte.
In den letzten Jahrzehnten hat sich erstaunlich wenig geändert.
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Balduin hat geschrieben: 14.03.2023, 06:47 Spannendes Thema!

In den letzten Jahrzehnten hat sich erstaunlich wenig geändert.
Ja - nur die jeweiligen Akteure kommen und gehen. Leonid Breshnew mit Erich Honecker beim „Bruderkuß“:
https://www.google.de/search?q=Breschne ... IIPA0U6dVM


Und heute Gerhard Schröder mit Wladimir Putin in inniger Umarmung. Nur die Heißblütigkeit hat etwas abgenommen:
https://www.google.de/search?q=Schröder ... h8Jl1PnQ1M

Nicht zu vergessen Angela Merkel und Wladimir Putin. Allerdings noch etwas schüchtern:
https://www.google.de/search?q=angela+m ... 1ciJP4AmOM
andreassolar
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Balduin hat geschrieben: 14.03.2023, 06:47 Spannendes Thema!
Dafür hatte man anscheinend schon erhebliche 'Reserven' aktivieren müssen - und das in Zeiten, in welchen der rasant gestiegene, sehr hohe Erdöl-Preis mitsamt dem hohen Erdgas-Preis der sowjetischen Regierung enorme Devisenerlöse durch den großen Export in den NSW einbrachte.
In den letzten Jahrzehnten hat sich erstaunlich wenig geändert.
Ja, genau. nach wie vor gibt es keine breite Palette von wettbewerbsfähigen, weltmarktfähigen & nachgefragten Produkten made in Russische Föderation. Dagegen nach wie vor viele Rohstoffe (Gold, Öl Gas usw.), Halbfabrikate.

Vergleich man die Entwicklung der 'Weltmarktintegration' und -Produktpalette aus der VR China oder auch von Vietnam seit 1980 wird der Unterschied sehr deutlich...und immer deutlicher.

Die Gründe wurden bereits weiter oben skizziert.

Die Wertschöpfungshöhe dank Verarbeitung, Veredelung & technologischer Weiterentwicklungen und HighEnd-Konsumprodukte blieb und ist und wird wohl in der Russ. Föderation vergleichsweise niedriger bzw. niedrig bleiben, in Relation zu China, den USA und vielen anderen Staaten.
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