Über die Einzelheiten des Verhältnisses zwischen Friedrich II. und Voltaire wusste ich bisher auch noch nichts. Klar ist, dass beide einen sehr langen Kontakt hatten - mit Höhen und Tiefen.
Dazu nun Textzitate in voller Länge:
»Voltaire & der König
„On presse l’orange et on en jette l’écorce.“: Der Bruch zwischen Voltaire und Friedrich II. am 26. März 1753
Ende März 1753 verließ Voltaire tief beleidigt Preußen. Der französische Philosoph war im Juli 1750 auf wiederholte Einladung des Königs nach Potsdam gekommen und hatte dort seither als Kammerherr, Historiograph und Ritter des Pour-le-Mérite gewirkt. Nach knapp drei Jahren endete sein preußisches Intermezzo. Sein Weggang und das damit verbundene Zerwürfnis mit dem König blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen und wurde unter den Geistesgrößen der Zeit lebhaft thematisiert.
Es ist reizvoll, den Moment zu betrachten, in dem die literarische Bewunderung in reale Abhängigkeit überging – insbesondere während Voltaires Aufenthalt in Potsdam (1750–1753). Hier prallten die Allüren des "Königs der Philosophen" auf die absolute Autorität des "Philosophen auf dem Thron".
Mit dem Konflikt verbindet sich eine häufig zitierte Metapher, die immer wieder Friedrich II. zugeschrieben wird und die oft als Auslöser genannt, was jedoch zu kurz betrachtet wäre:
„On presse l’orange et on en jette l’écorce.“
»Man presse die Orange aus und werfe anschließend die Schale weg.«
Voltaire erfuhr diesen Satz als Hofgerücht und war augenblicklich gekränkt. Nach seiner späteren Darstellung soll der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie ihm berichtet haben, Friedrich habe erklärt, er brauche Voltaire höchstens noch kurze Zeit; danach werde man die „Orange auspressen“. Ob der König den Ausspruch tatsächlich getan hat, ist quellenmäßig nicht zweifelsfrei belegt. In Voltaires Überlieferung wurde die Metapher jedoch zum Symbol der Beziehung zwischen beiden Männern. La Mettrie galt am Hofe als „Vorleser“ und Provokateur; dass Voltaire diese Information ungeprüft als tödliche Kränkung auffasste, unterstreicht seine Paranoia bezüglich einer befürchteten Bedeutungslosigkeit im Machtgefüge.
Hier der äußerlich stets von sich eingenommene, häufig lästerlich über seine Zeitgenossen schreibende Stern unter den Philosophen französischer Prägung, dort der kaum weniger von sich überzeugte König, der berüchtigt war, alles und jeden für seinen Zweck einzuspannen.
Zwei Egos, die sich gegenseitig als Spiegel zur Selbstdarstellung benötigten und missbrauchten.
Voltaires Stellung am preußischen Hof
Friedrich hatte Voltaire bereits als Kronprinz seit 1736 durch einen intensiven Briefwechsel umworben. Für ihn verkörperte der französische Schriftsteller die literarische und philosophische Kultur der Aufklärung. Nach dem Regierungsantritt 1740 wiederholte Friedrich seine Einladung mehrfach; Voltaire folgte ihr schließlich zehn Jahre später im Jahre 1750 und traf am 10. Juli 1750 in Potsdam ein.
Der Philosoph erhielt ein Jahresgehalt von etwa 20.000 Livres (in manchen Quellen rund 5.000 Taler), eine Wohnung im Potsdamer Stadtschloss sowie eine Stellung im Umfeld der Berliner Akademie der Wissenschaften. Zugleich arbeitete er an der Redaktion der Schriften Friedrichs und war regelmäßiger Gast der abendlichen Gesprächsrunden des Königs in Sanssouci.
Der engste Hofkreis bestand aus mehreren französischen Gelehrten, darunter Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, Jean-Baptiste de Boyer d’Argens und Francesco Algarotti. Zwischen diesen Persönlichkeiten bestand eine fortwährende Konkurrenz um die Nähe und Gunst des Königs, was das Klima am Hof spannungsreich machte.
Konflikte und Eskalation (1751–1753)
Schon früh entstanden Schwierigkeiten. Friedrichs Bewunderung machte mehr und mehr einem Geist der Dienstbarmachung Raum. Voltaire geriet bereits 1751 wegen spekulativer Finanzgeschäfte in einen Streit mit dem jüdischen Bankier Abraham Hirschel, der vor Gericht endete und in Berlin einigermaßen Aufsehen erregte. Friedrich war über Voltaires Spekulationen mit sächsischen Steuergutscheinen (Steuerscheinen) deshalb so erzürnt war, weil sie dem Image des „Philosophen von Sanssouci“ schadeten, das er mühsam nach dem Ersten Schlesischen Krieg für seinen Hof aufgebaut hatte. Voltaire agierte hier als Privatmann gegen das staatliche Interesse. Friedrich hielt zwar öffentlich Distanz zu der Affäre, war aber alles andere als amüsiert.
Der entscheidende Konflikt entwickelte sich jedoch innerhalb der Akademie. Maupertuis, Präsident der Berliner Akademie, hatte im Streit um mathematische und philosophische Fragen den Gelehrten Johann Samuel König beschuldigt, ein Leibniz-Zitat gefälscht zu haben. Die Angelegenheit wurde damals europaweit diskutiert.
Voltaire griff Maupertuis daraufhin in der Satire Diatribe du docteur Akakia scharf an und verspottete sowohl dessen wissenschaftliche Thesen als auch seine Rolle als Akademiepräsident. Friedrich verhielt sich diesmal nicht neutral und distanziert, sondern stellte sich stattdessen demonstrativ hinter Maupertuis. Am 24. Dezember 1752 ließ er Voltaires Schrift in Berlin öffentlich verbrennen. Eine tiefe Schmach für den stolzen, sehr von sich eingenommenen Philosophen.
Zu Beginn des Jahres 1753 erreichte der Konflikt den Höhepunkt. Als Reaktion auf die Verbrennung sandte Voltaire er am 1. Januar 1753 den Pour-le-Mérite-Orden und den Kammerherrenschlüssel an den König zurück – ein Affront und deutliches Zeichen des Bruchs.
Abreise und Frankfurter Zwischenfall
Voltaire bat anschließend um Urlaub zu einer Kur in Plombières. Friedrich erteilte die Reisegenehmigung, verlangte jedoch zugleich die Rückgabe aller Manuskripte und Drucke des Königs, die sich noch in Voltaires Besitz befanden.
Am 26. März 1753 verließ Voltaire Berlin. Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits überwiegend in Berlin und nicht mehr in Potsdam in der Nähe des Königs. Über Leipzig und Gotha gelangte er Ende Mai nach Frankfurt am Main.
Dort kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Auf Anweisung des preußischen Residenten wurde Voltaire am 31. Mai 1753 im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ festgesetzt. Anlass war der Verdacht, er habe ein Exemplar der Œuvres du philosophe de Sans-Souci sowie weitere Schriften des Königs mitgenommen. Voltaire blieb mehrere Wochen unter Hausarrest und durfte Frankfurt erst Anfang Juli 1753 verlassen. Dass Friedrich eine Person von solcher Popularität wie einen gewöhnlichen Dieb festsetzen ließ, war ein diplomatischer Fauxpas, der das Bild Preußens unter den europäischen Gelehrten beschädigte.
Nachwirkungen
Der persönliche Umgang zwischen Friedrich und Voltaire war beendet, nicht jedoch ihr Briefwechsel. In späteren Jahren nahm die Korrespondenz teilweise wieder einen versöhnlicheren Ton an und dauerte bis zu Voltaires Tod 1778 an.
Für Voltaire wurde der Aufenthalt in Preußen rückblickend zu einem Beispiel für die Grenzen aufgeklärter Monarchie. Für Friedrich blieb der französische Philosoph ein bedeutender, aber schwieriger und letztlich unzuverlässiger Schriftsteller und Ratgeber, weil nicht bedingungslos zu instrumentalisieren. Beide Akteure verband eine tiefe Verachtung für das "Unvernünftige", jedoch unterschieden sich ihre Motive fundamental. Während Voltaire die Freiheit des Geistes (oft zur persönlichen Absicherung) suchte, nutzte Friedrich die Philosophie als Instrument der staatlichen Vernunft und zur Legitimierung seines Herrschaftsmodells.«
Interessant im Zusammenhang mit der Festsetzung Voltaires in Fankfurt am Main ist auch noch eine Ausführung in den Kommentaren:
»Die Festsetzung Voltaires in der Freien Reichsstadt Frankfurt war ein brutaler Akt preußischer Willkür, Friedrich II. hatte keine rechtliche Handhabe.
Dass der Zugriff gelang, lag am rücksichtslosen Vorgehen des preußischen Residenten Franz von Freytag. Dieser setzte Voltaire im Gasthof „Zum Goldenen Löwen“ unter Hausarrest. Friedrich fürchtete, der gekränkte Philosoph könne die darin enthaltenen Spöttereien über europäische Monarchen veröffentlichen.
Der Frankfurter Rat wagte es aus Furcht vor der militärischen Macht Preußens nicht, gegen diesen Bruch der städtischen Souveränität einzuschreiten. Erst nach fünf Wochen und unter internationalem Protest durfte Voltaire die Stadt verlassen.«
Quelle:
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