Hier noch ein sehr interessanter Beitrag. Er beschreibt wirklich gut die große Not der damaligen Zeit angesichts von Klimaveränderungen.
Textzitat in voller Länge:
»Der Jahrtausendwinter von 1708/09 in Brandenburg und Preußen
Seit Anfang des 14. Jahrhunderts erlebte Europa eine fundamentale Veränderung des Klimas. Die bislang relativ milde Klimaphase endete verhältnismäßig abrupt. Die Winter wurden im Mittel kälter, die Sommer niederschlagsreicher. Jahren mit starken Niederschlägen folgten immer wieder solche mit ausgesprochenen Dürreperioden. All dies hatte unmittelbare Folgen auf die bis dahin steigende Bevölkerung, die nun erstmals in Wellen in manchen Jahrzehnten abnahm, sich wieder erholte, um erneut einzubrechen. Es war das Zeitalter der Kleinen Eiszeit angebrochen, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts andauerte.
In den rund 500 Jahren kam es wiederholt zu harten Wintern, besonders regional, doch keiner ist im kollektiven Gedächtnis Europas so erhalten geblieben wie jener Winter von 1708/1709, der auch in der Geschichte Brandenburg-Preußens ein einschneidendes Ereignis darstellte. Nicht Krieg oder Misswirtschaft bedrohten das noch ganz junge Königreich Preußen, sondern die Natur zwang die Menschen in die Knie.
Eine ungewöhnlich lang anhaltende Periode mit stetigem Ostwind brachte bereits im Herbst 1708 Fröste. Mit Drehen des Windes entspannte sich die Situation zunächst wieder, um schließlich in der ersten Januarwoche abermals zu kippen. Die Temperaturen fielen so schnell und so stark, dass alle zeitgenössischen Aufzeichnungen weit übertroffen wurden. Da die heute in Europa gebräuchliche Celsius-Skala erst Jahrzehnte später entwickelt wurde, stützt sich die moderne Forschung auf die täglichen Wetterbeobachtungen des Astronomen Gottfried Kirch in Berlin sowie auf spätere Rekonstruktionen. Die damaligen Messwerte, umgerechnet auf heutige Standards, lassen auf anhaltend niedrige Temperaturen im Bereich von -25 °C bis -30 °C schließen.
Spree, Havel und Oder froren bis auf den Grund zu. Die Ostsee war über weite Strecken so massiv vereist, dass sie bis ins Frühjahr hinein mit schweren Lastschlitten befahren werden konnte. Die Häfen von Danzig und Stettin konnten wegen des Eises bis in den Mai hinein nicht genutzt werden.
Zeitgenössische Aufzeichnungen aus der Mark berichten, dass Bäume mit einem Knall, der wie ein Pistolenschuss klang, der Länge nach aufplatzten, weil der Saft im Inneren gefror. In den Häusern der Berliner Vorstädte froren Speisen und Getränke unmittelbar auf dem Teller oder in den Trinkbehältern ein. In den Wein- und Bierkellern erstarrte der Inhalt der Fässer zu Eis.
Es wird berichtet, dass Vögel mitten im Flug tot zu Boden fielen. Das Wild in den kurmärkischen Wäldern verendete massenhaft, und hungrige Wölfe drangen bis unmittelbar an die Berliner Stadttore vor.
Die Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Agrarwirtschaft waren verheerend. Die zugefrorenen Wasserwege unterbrachen die etablierten Versorgungsketten und es brach besonders in den Städten große Not aus.
Es konnte kein Brennholz in die Städte transportiert werden. Die Preise stiegen ins Unermessliche, woraufhin die ärmere Bevölkerung begann, Möbel und Zäune zu verheizen. Überall kam es zu Holzdiebstahl und Zerstörungen beim Versuch Brennholz zu erbeuten. Zudem standen die Wassermühlen still, was trotz vorhandenen Getreides zu einer akuten Mehl- und Brotknappheit führte und die Not weiter erhöhte. Der Holzmangel war zeitweise so groß, dass nur noch zur Nahrungszubereitung ein größeres Feuer unterhalten werden konnte, sonst aber auf sprichwörtlicher Sparflamme die Glut erhalten wurde. War das Feuer einmal erloschen, konnte es bei den tiefen Temperaturen oft nur mit Mühe neu entzündet werden.
Um Unruhen und den Zusammenbruch in der Residenzstadt zu verhindern, ließ König Friedrich I. öffentliche Suppenküchen einrichten, in denen einfache Erbsen- oder Graupensuppen an Bedürftige ausgegeben wurden. Auf öffentlichen Plätzen wurden große Feuer unterhalten. Zudem wurde ein striktes Getreideausfuhrverbot verhängt, um die verbliebenen Vorräte für die städtische Versorgung zu sichern.
Doch es blieb nicht bei der akuten Not, die es nur zu überleben galt, bis endlich der Frühling kam. Der Frost drang so tief in das Erdreich ein, dass die Wintersaat vollständig vernichtet wurde. Besonders anhaltend desaströs war der Verlust der Obstbaumbestände und Weinstöcke um Berlin und Frankfurt (Oder). Auf Jahre fiel die Obstproduktion in der Region aus, bis nachgewachsene Bäume begannen, Frucht zu tragen. Die Menschen auf dem Land brachten ihr Vieh oft in die eigenen Wohnstuben, nicht nur um von der gegenseitigen Körperwärme zu profitieren, sondern um das Überleben der Tiere zu sichern, die massenhaft in den Ställen verendeten – vor allem an Wassermangel, nicht nur wegen der Kälte, weil alle Tränken völlig zugefroren waren.
In der historischen Rückschau ist der Winter 1709 untrennbar mit der nachfolgenden Pestepidemie verbunden. Die durch Kälte und chronische Unterernährung geschwächte Bevölkerung besaß kaum Widerstandskräfte gegen die aus dem Osten eingeschleppten Erreger.
In Ostpreußen forderte die Kombination aus Winter, Hunger und Pest (1709–1711) etwa 240.000 bis 250.000 Todesopfer. Dies entsprach einem Verlust von fast 40 % der Gesamtbevölkerung. In der Mark Brandenburg verzeichneten die Kirchenbücher für 1709 eine sprunghaft angestiegene Sterblichkeit, primär durch Kältetod im Winter und Mangelkrankheiten wie Skorbut oder Typhus im darauffolgenden Frühjahr.
Der Jahrtausendwinter von 1709 war für Brandenburg und Preußen eine substanzielle Herausforderung, welche die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber der Natur offenlegte. Das Ereignis zwang die Krone zu einer Neuausrichtung der staatlichen Vorratshaltung sowie zu groß angelegten Peuplierungsprojekten, die sich bis weit in die Zeit Friedrichs des Großen erstreckten. Sie blieb auf Generationen als ein prägendes Trauma im kollektiven Gedächtnis der besonders hart betroffenen Region verankert.
PS: Die heute von uns ausgewählten Bilder sind im Grunde zu romantisierend. Die Bedingungen von damals können heute wahrscheinlich nur noch die Älteren und ganz Alten unter uns ansatzweise erahnen, die den Hungerwinter 46/47 oder das Chaos 78/79 erlebt haben.«
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Der schwere Winter 1708/09 dokumentiert in Brandenburg-Preußen
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»Teil 2: Der Jahrtausendwinter als Auslöser innerer Reformen
In unserem gestrigen Artikel thematisierten wir die verheerenden Auswirkungen des schlimmsten Winters der letzten 500 Jahre.
Der sogenannte Jahrtausendwinter von 1709 markierte für Brandenburg und Preußen einen Wendepunkt seiner inneren Organisation. Wenn auch bereits unter dem Großen Kurfürsten signifikante Änderungen am Staatsapparat vorgenommen wurden, gegen viele Widerstände, löste das Massensterben von Mensch und Vieh sowie der fast vollständige Ausfall der Ernten im Sommer eine Welle von Maßnahmen aus, die durch die Not der Umstände getrieben waren, denn der Staat als Ganzes war an seine finanziellen Grenzen gestoßen. Bislang beschränkte sich die Aufgabe des Königs primär auf den Schutz nach außen und die Wahrung des Rechtsfriedens im Inneren. Eine aktive Krisenvorsorge für die Untertanen gehörte nicht zum herkömmlichen Pflichtenkanon des Landesherrn und war allenfalls Teil der lokalen Kirchengemeinden.
Die Erfahrung der völligen Hilflosigkeit gegenüber den Gewalten der Natur zwang zur pragmatischen Neuausrichtung der Verwaltung, die zugegebenermaßen nicht humanitär, sondern zunächst fiskalisch und machtpolitisch begründet war, jedoch in der Folge der breiten Bevölkerung nutzte.
1. Sicherung der Steuerbasis: Das Magazinwesen
Der Verlust großer Bevölkerungsteile raubte der Krone die materielle Grundlage und belastete den jungen Staat, da feste Steuereinnahmen ersatzlos ausfielen. Dabei ist festzuhalten, dass dem Untertanen in jener Zeit in der Regel ein weitaus größerer Teil seines Erwirtschafteten verblieb, als es heutzutage der Fall ist. Die eigentliche Schwere der Belastung lag weniger in der reinen Geldsteuer als vielmehr in den Diensten für die etablierte Gutsherrschaft als Relikt der Feudalzeit. Diese sogenannten Spann- und Handdienste entzogen dem Bauern Zeit für die sonst für die Bestellung der eigenen Scholle genutzt werden könnte.
Die damaligen Hauptabgaben waren im Gegensatz zu heute nicht progressiv abhängig vom Erwerb, sondern eine fixe Realsteuer (vergleichbar der heutigen Grundsteuer) die fest auf dem Grundbesitz beruhte, während zugleich die Fronpflichten nicht unerhebliche Teile der Arbeitskraft banden.
(Die Akzise, eine Verbrauchssteuer, als wichtige Einnahmequelle der Krone, lassen wir an dieser unberücksichtigt)
Blieb nun eine Ernte aus, starb ein wichtiges Mitglied der Hofstelle, machte sich die Viehseuche breit, war der Mensch im schlimmsten Fall dem Hunger ausgeliefert und ganz auf die Milde seiner Mitmenschen angewiesen, da es keine staatliche Absicherung gab. Kam ein Bauernhof in wirtschaftliche Schieflage, brachen auch dem Fiskus die Einnahmen weg, da das „Steuerobjekt Hof“ wüst fiel.
In der Folge wurde die Bevorratung durch spezifische Magazin-Reglements systematisiert. In Städten wie Brandenburg, Frankfurt an der Oder oder Spandau mussten fortan Vorräte für mindestens ein bis zwei Jahre vorgehalten werden, um durch Saatgut- und Brothilfe die Produktionsfähigkeit der Höfe in künftigen Notjahren zu erhalten.
2. Peuplierung als Wiederherstellung der steuerpflichtigen Substanz
Die Entvölkerung ganzer Landstriche durch Hunger und die nachfolgende Pest wurde in Berlin als wortwörtlicher kapitaler Verlust an steuerpflichtiger Substanz begriffen. Da nach der Lehre der Zeit die Zahl der Untertanen menr oder minder direkt über die Finanzmacht eines Fürsten entschied, wurde die Neubesiedlung verlassener Höfe zur priorisierten Regierungsaufgabe. Die groß angelegte Ansiedlungspolitik, etwa von Pfälzer Kolonisten in der Mittelmark, war eine Investition in die künftige Steuerbasis.
Zahlreiche Einladungs-Edikte regelten präzise die Zuweisung wüster Stellen und die Gewährung von Freijahren. In der Regel erhielten Kolonisten drei bis sechs Jahre vollständige Befreiung von der Kontribution und anderen landesherrlichen Abgaben. In dieser Phase trat der Staat als investierender Bauherr auf: Er stellte Bauholz aus königlichen Forsten sowie teilweise Saatgut und Inventar als Startkapital bereit. Diese Anschubfinanzierung sollte sicherstellen, dass der Siedler eine stabile Basis aufbauen konnte, bevor er nach Ablauf der Frist als produktiver Steuerzahler in das staatliche System eintrat.
3. Die Zentralisierung der Exekutive durch die Kammern
Diese neue Form der Vorsorge erforderte ein schlagkräftigeres Werkzeug als die bisherigen, oft trägen Verwaltungen des Adels. Mit dem General-Reglement von 1723 und der Schaffung des General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domainen-Direktoriums festigte sich die Rolle der Kammern als operative Zentren. Diese Behörden übernahmen die genaue Zählung von Vorräten, die Überwachung der Entwässerungsarbeiten und die Lenkung der Kolonistenströme. Damit weitete der preußische Staat seine Kontrolle auf Bereiche wie Landwirtschaft und Siedlungswesen aus, die zuvor wesentlich als eine private Angelegenheit der Gutsherren oder Bauern gegolten hatten. Gleichwohl auch davor schon Siedlerzuzug, hauptsächlich von Handwerkern, im Rahmem des Potsdamer Edikts unter dem Großen Kurfürsten den späteren Maßnahmen vorweggriff.
Die Neuausrichtung nach 1709 war das Ergebnis rationaler Herrschaftspraxis. Der Staat begann, das wirtschaftliche Leben in der Mark Brandenburg engmaschiger zu kontrollieren. Nicht die Sorge um das individuelle Schicksal, sondern die Sicherung der staatlichen Handlungsfähigkeit gegenüber den Unwägbarkeiten der Natur wurde zum bleibenden Kennzeichen der preußischen Verwaltung.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1DRGAqwkSo/
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»Teil 2: Der Jahrtausendwinter als Auslöser innerer Reformen
In unserem gestrigen Artikel thematisierten wir die verheerenden Auswirkungen des schlimmsten Winters der letzten 500 Jahre.
Der sogenannte Jahrtausendwinter von 1709 markierte für Brandenburg und Preußen einen Wendepunkt seiner inneren Organisation. Wenn auch bereits unter dem Großen Kurfürsten signifikante Änderungen am Staatsapparat vorgenommen wurden, gegen viele Widerstände, löste das Massensterben von Mensch und Vieh sowie der fast vollständige Ausfall der Ernten im Sommer eine Welle von Maßnahmen aus, die durch die Not der Umstände getrieben waren, denn der Staat als Ganzes war an seine finanziellen Grenzen gestoßen. Bislang beschränkte sich die Aufgabe des Königs primär auf den Schutz nach außen und die Wahrung des Rechtsfriedens im Inneren. Eine aktive Krisenvorsorge für die Untertanen gehörte nicht zum herkömmlichen Pflichtenkanon des Landesherrn und war allenfalls Teil der lokalen Kirchengemeinden.
Die Erfahrung der völligen Hilflosigkeit gegenüber den Gewalten der Natur zwang zur pragmatischen Neuausrichtung der Verwaltung, die zugegebenermaßen nicht humanitär, sondern zunächst fiskalisch und machtpolitisch begründet war, jedoch in der Folge der breiten Bevölkerung nutzte.
1. Sicherung der Steuerbasis: Das Magazinwesen
Der Verlust großer Bevölkerungsteile raubte der Krone die materielle Grundlage und belastete den jungen Staat, da feste Steuereinnahmen ersatzlos ausfielen. Dabei ist festzuhalten, dass dem Untertanen in jener Zeit in der Regel ein weitaus größerer Teil seines Erwirtschafteten verblieb, als es heutzutage der Fall ist. Die eigentliche Schwere der Belastung lag weniger in der reinen Geldsteuer als vielmehr in den Diensten für die etablierte Gutsherrschaft als Relikt der Feudalzeit. Diese sogenannten Spann- und Handdienste entzogen dem Bauern Zeit für die sonst für die Bestellung der eigenen Scholle genutzt werden könnte.
Die damaligen Hauptabgaben waren im Gegensatz zu heute nicht progressiv abhängig vom Erwerb, sondern eine fixe Realsteuer (vergleichbar der heutigen Grundsteuer) die fest auf dem Grundbesitz beruhte, während zugleich die Fronpflichten nicht unerhebliche Teile der Arbeitskraft banden.
(Die Akzise, eine Verbrauchssteuer, als wichtige Einnahmequelle der Krone, lassen wir an dieser unberücksichtigt)
Blieb nun eine Ernte aus, starb ein wichtiges Mitglied der Hofstelle, machte sich die Viehseuche breit, war der Mensch im schlimmsten Fall dem Hunger ausgeliefert und ganz auf die Milde seiner Mitmenschen angewiesen, da es keine staatliche Absicherung gab. Kam ein Bauernhof in wirtschaftliche Schieflage, brachen auch dem Fiskus die Einnahmen weg, da das „Steuerobjekt Hof“ wüst fiel.
In der Folge wurde die Bevorratung durch spezifische Magazin-Reglements systematisiert. In Städten wie Brandenburg, Frankfurt an der Oder oder Spandau mussten fortan Vorräte für mindestens ein bis zwei Jahre vorgehalten werden, um durch Saatgut- und Brothilfe die Produktionsfähigkeit der Höfe in künftigen Notjahren zu erhalten.
2. Peuplierung als Wiederherstellung der steuerpflichtigen Substanz
Die Entvölkerung ganzer Landstriche durch Hunger und die nachfolgende Pest wurde in Berlin als wortwörtlicher kapitaler Verlust an steuerpflichtiger Substanz begriffen. Da nach der Lehre der Zeit die Zahl der Untertanen menr oder minder direkt über die Finanzmacht eines Fürsten entschied, wurde die Neubesiedlung verlassener Höfe zur priorisierten Regierungsaufgabe. Die groß angelegte Ansiedlungspolitik, etwa von Pfälzer Kolonisten in der Mittelmark, war eine Investition in die künftige Steuerbasis.
Zahlreiche Einladungs-Edikte regelten präzise die Zuweisung wüster Stellen und die Gewährung von Freijahren. In der Regel erhielten Kolonisten drei bis sechs Jahre vollständige Befreiung von der Kontribution und anderen landesherrlichen Abgaben. In dieser Phase trat der Staat als investierender Bauherr auf: Er stellte Bauholz aus königlichen Forsten sowie teilweise Saatgut und Inventar als Startkapital bereit. Diese Anschubfinanzierung sollte sicherstellen, dass der Siedler eine stabile Basis aufbauen konnte, bevor er nach Ablauf der Frist als produktiver Steuerzahler in das staatliche System eintrat.
3. Die Zentralisierung der Exekutive durch die Kammern
Diese neue Form der Vorsorge erforderte ein schlagkräftigeres Werkzeug als die bisherigen, oft trägen Verwaltungen des Adels. Mit dem General-Reglement von 1723 und der Schaffung des General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domainen-Direktoriums festigte sich die Rolle der Kammern als operative Zentren. Diese Behörden übernahmen die genaue Zählung von Vorräten, die Überwachung der Entwässerungsarbeiten und die Lenkung der Kolonistenströme. Damit weitete der preußische Staat seine Kontrolle auf Bereiche wie Landwirtschaft und Siedlungswesen aus, die zuvor wesentlich als eine private Angelegenheit der Gutsherren oder Bauern gegolten hatten. Gleichwohl auch davor schon Siedlerzuzug, hauptsächlich von Handwerkern, im Rahmem des Potsdamer Edikts unter dem Großen Kurfürsten den späteren Maßnahmen vorweggriff.
Die Neuausrichtung nach 1709 war das Ergebnis rationaler Herrschaftspraxis. Der Staat begann, das wirtschaftliche Leben in der Mark Brandenburg engmaschiger zu kontrollieren. Nicht die Sorge um das individuelle Schicksal, sondern die Sicherung der staatlichen Handlungsfähigkeit gegenüber den Unwägbarkeiten der Natur wurde zum bleibenden Kennzeichen der preußischen Verwaltung.«
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Textzitat in voller Länge:
.
»Die große Pestwelle im Baltikum als Geburtshelfer der späteren Berliner Charité
Am 13. Mai 1710 erging der königliche Befehl Friedrichs I., vor dem Spandauer Tor, außerhalb Berlins, ein Quarantänehaus zu errichten, das als Präventionmaßnahme gegen die verheerende Pestepidemie im Herzogtum Preußen gedacht war.
Die Anordnung entsprang weniger einem humanen als vor allem einem staatspolitischen Gedanken aus der Not heraus geboren. Es war ein Akt der Selbsterhaltung im Sinne des Merkantilismus. Für den bevölkerungsarmen preußischen Staat stellten seine Untertanen das wichtigste ökonomische und militärische Kapital dar, dessen Schutz vor einem weiteren Massensterben oberste Priorität besaß. Finanziert durch die kurmärkische Amtskammer, unterstand der Bau der strengen Aufsicht der im Vorjahr gegründeten Pest-Commission, die den Schutz der Residenzstadt Berlin sicherstellen sollte.
Die im Herrschaftsbereich der Hohenzollern bislang beispiellos katastrophale Pestwelle, die das Herzogtum Preußen im Baltikum heimsuchte, brachte das gesamte junge Königreich an den Rand des Kollapses. Zwischen 1708 und 1711 wütete die Seuche dort mit einer solch erbarmungslosen Intensität, dass regional alle Kontrolle verloren ging. Der Erreger wurde über Handelsrouten aus Polen, Litauen und Kurland eingeschleppt. Diese große Pestwelle darf nicht mit jener des Spätmittelalters verwechselt werden, die zur Mitte des 14. Jahrhundert Süd-, Mittel- und Westeuropa heimgesucht hatte. Während seither im Westen die Pest weniger start grassierte, war der Osten über viele Jahrhunderte wieder und wieder stark betroffen gewesen.
Die Bevölkerungsverluste waren 1708 bis 1711 so gewaltig, dass Schätzungen alleine in Ostpreußen von etwa 250.000 Toten ausgehen, was einem Drittel der gesamten Provinzbevölkerung entsprach. In den am schwersten betroffenen Gebieten, insbesondere in Preußisch-Litauen und in Teilen Masurens, starben in zahlreichen Kirchspielen zwischen 60 und 70 Prozent der Einwohner, was dazu führte, dass die soziale und wirtschaftliche Ordnung vollends zusammenbrach. Die Berichte, die die Berliner Residenz erreichten, zeichneten ein Bild des Schreckens: Ganze Dörfer standen leer, das Vieh irrte herrenlos umher oder verendete und die Felder blieben über Jahre unbestellt und verwilderten. Mensch und Tier verweste in abgelegenen Gegenden wo sie gestorben waren. Es fehlten in einzelnen Regionen auf Jahrzehnte an Menschen.
Der Schwund bedeutete für die Krone nicht nur den Ausfall nahezu sämtlicher Steuereinnahmen aus der Region, sondern auch den Verlust der strategischen Tiefe, da die menschenleeren Grenzgebiete militärisch im Kriegsfall kaum noch zu halten waren. Die Panik in Berlin wurde durch die Nachricht genährt, dass selbst die striktesten Absperrungen der Städte – wie etwa in Königsberg, wo allein 35.000 Menschen umkamen – die Ausbreitung kaum bremsen konnten.
Erst das spätere, unter Friedrich Wilhelm I. mit enormem finanziellem Aufwand betriebene „Retablissement“ und die Ansiedlung von über 15.000 Salzburger Exulanten sowie anderen Kolonisten vermochte die gewaltige Lücke nach Jahrzehnten wieder langsam zu schließen.
Das Berliner Pesthaus
Kommen wir zum Pesthaus vor den Toren Berlins zurück. Ein mildes Schicksal wollte es, dass es nie verwendet werden musste.
Ein Gebäude jener Art unterschied sich grundlegend von einer modernen Heilanstalt späterer Zeit, da es primär als Instrument der räumlichen Isolation fungierte, eine echt medizinische Versorgung gab es kaum. Die bauliche Konzeption folgte den damaligen Erfahrungen, die eine Ansteckung durch Miasmen oder direkten Kontakt fürchtete, weshalb die Errichtung grundsätzlich außerhalb der schützenden Stadtmauern erfolgte. Als Endstation für Infizierte oder als zeitweiliger Verwahrungsort für Verdächtige, war das Gebäude im Grunde nur darauf ausgelegt, das Übergreifen der Seuche auf das Stadtgebiet zu verhindern. Die Bauweise wies eine strikte Aufteilung in verschiedene Abteilungen auf, um Wachpersonal, Verwaltung und die in Quarantäne befindlichen Personen konsequent voneinander zu trennen. Unter der direkten Kontrolle der staatlichen Sanitätspolizei wurde das Pesthaus zu einem Ort nahezu totaler Entrechtung, wo bürgerliche Rechte hinter die Notwendigkeit der Seuchenabwehr fast gänzlich zurücktraten.
Neben der polizeilichen Überwachung diente die Einrichtung auch der Professionalisierung der Militärmedizin, indem sie personell eng mit dem 1713 vollendeten Theatrum Anatomicum verknüpft wurde. Mediziner wie der Leibarzt Johann Theodor Eller erhielten den Auftrag, den klinischen Betrieb und die Sektionen zur Ausbildung fähiger Feldschere zu nutzen. Ziel war es, die medizinische Versorgung der Armee zu standardisieren und die Abhängigkeit von ausländischer Expertise zu beenden.
Da Berlin letztlich von der Pest verschont blieb, befahl Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1727 die Umwandlung des ungenutzten und leerstehenden Baus in ein Bürgerhospital. Mit der Benennung als Charité verstetigte der Soldatenkönig die Überführung medizinischer Aufgaben in staatliche Kontrolle und schuf die Basis für eine institutionalisierte Gesundheitspolitik, die gerade in Preußen bis zum 20. Jahrhundert bahnbrechende Erkenntnisse in der Medizin brachte. Nicht weniger als 11 Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin kamen in der Folge aus der Charité.«
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Quelle: https://www.facebook.com/share/v/1Cb1EGLUmz/
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»Die große Pestwelle im Baltikum als Geburtshelfer der späteren Berliner Charité
Am 13. Mai 1710 erging der königliche Befehl Friedrichs I., vor dem Spandauer Tor, außerhalb Berlins, ein Quarantänehaus zu errichten, das als Präventionmaßnahme gegen die verheerende Pestepidemie im Herzogtum Preußen gedacht war.
Die Anordnung entsprang weniger einem humanen als vor allem einem staatspolitischen Gedanken aus der Not heraus geboren. Es war ein Akt der Selbsterhaltung im Sinne des Merkantilismus. Für den bevölkerungsarmen preußischen Staat stellten seine Untertanen das wichtigste ökonomische und militärische Kapital dar, dessen Schutz vor einem weiteren Massensterben oberste Priorität besaß. Finanziert durch die kurmärkische Amtskammer, unterstand der Bau der strengen Aufsicht der im Vorjahr gegründeten Pest-Commission, die den Schutz der Residenzstadt Berlin sicherstellen sollte.
Die im Herrschaftsbereich der Hohenzollern bislang beispiellos katastrophale Pestwelle, die das Herzogtum Preußen im Baltikum heimsuchte, brachte das gesamte junge Königreich an den Rand des Kollapses. Zwischen 1708 und 1711 wütete die Seuche dort mit einer solch erbarmungslosen Intensität, dass regional alle Kontrolle verloren ging. Der Erreger wurde über Handelsrouten aus Polen, Litauen und Kurland eingeschleppt. Diese große Pestwelle darf nicht mit jener des Spätmittelalters verwechselt werden, die zur Mitte des 14. Jahrhundert Süd-, Mittel- und Westeuropa heimgesucht hatte. Während seither im Westen die Pest weniger start grassierte, war der Osten über viele Jahrhunderte wieder und wieder stark betroffen gewesen.
Die Bevölkerungsverluste waren 1708 bis 1711 so gewaltig, dass Schätzungen alleine in Ostpreußen von etwa 250.000 Toten ausgehen, was einem Drittel der gesamten Provinzbevölkerung entsprach. In den am schwersten betroffenen Gebieten, insbesondere in Preußisch-Litauen und in Teilen Masurens, starben in zahlreichen Kirchspielen zwischen 60 und 70 Prozent der Einwohner, was dazu führte, dass die soziale und wirtschaftliche Ordnung vollends zusammenbrach. Die Berichte, die die Berliner Residenz erreichten, zeichneten ein Bild des Schreckens: Ganze Dörfer standen leer, das Vieh irrte herrenlos umher oder verendete und die Felder blieben über Jahre unbestellt und verwilderten. Mensch und Tier verweste in abgelegenen Gegenden wo sie gestorben waren. Es fehlten in einzelnen Regionen auf Jahrzehnte an Menschen.
Der Schwund bedeutete für die Krone nicht nur den Ausfall nahezu sämtlicher Steuereinnahmen aus der Region, sondern auch den Verlust der strategischen Tiefe, da die menschenleeren Grenzgebiete militärisch im Kriegsfall kaum noch zu halten waren. Die Panik in Berlin wurde durch die Nachricht genährt, dass selbst die striktesten Absperrungen der Städte – wie etwa in Königsberg, wo allein 35.000 Menschen umkamen – die Ausbreitung kaum bremsen konnten.
Erst das spätere, unter Friedrich Wilhelm I. mit enormem finanziellem Aufwand betriebene „Retablissement“ und die Ansiedlung von über 15.000 Salzburger Exulanten sowie anderen Kolonisten vermochte die gewaltige Lücke nach Jahrzehnten wieder langsam zu schließen.
Das Berliner Pesthaus
Kommen wir zum Pesthaus vor den Toren Berlins zurück. Ein mildes Schicksal wollte es, dass es nie verwendet werden musste.
Ein Gebäude jener Art unterschied sich grundlegend von einer modernen Heilanstalt späterer Zeit, da es primär als Instrument der räumlichen Isolation fungierte, eine echt medizinische Versorgung gab es kaum. Die bauliche Konzeption folgte den damaligen Erfahrungen, die eine Ansteckung durch Miasmen oder direkten Kontakt fürchtete, weshalb die Errichtung grundsätzlich außerhalb der schützenden Stadtmauern erfolgte. Als Endstation für Infizierte oder als zeitweiliger Verwahrungsort für Verdächtige, war das Gebäude im Grunde nur darauf ausgelegt, das Übergreifen der Seuche auf das Stadtgebiet zu verhindern. Die Bauweise wies eine strikte Aufteilung in verschiedene Abteilungen auf, um Wachpersonal, Verwaltung und die in Quarantäne befindlichen Personen konsequent voneinander zu trennen. Unter der direkten Kontrolle der staatlichen Sanitätspolizei wurde das Pesthaus zu einem Ort nahezu totaler Entrechtung, wo bürgerliche Rechte hinter die Notwendigkeit der Seuchenabwehr fast gänzlich zurücktraten.
Neben der polizeilichen Überwachung diente die Einrichtung auch der Professionalisierung der Militärmedizin, indem sie personell eng mit dem 1713 vollendeten Theatrum Anatomicum verknüpft wurde. Mediziner wie der Leibarzt Johann Theodor Eller erhielten den Auftrag, den klinischen Betrieb und die Sektionen zur Ausbildung fähiger Feldschere zu nutzen. Ziel war es, die medizinische Versorgung der Armee zu standardisieren und die Abhängigkeit von ausländischer Expertise zu beenden.
Da Berlin letztlich von der Pest verschont blieb, befahl Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1727 die Umwandlung des ungenutzten und leerstehenden Baus in ein Bürgerhospital. Mit der Benennung als Charité verstetigte der Soldatenkönig die Überführung medizinischer Aufgaben in staatliche Kontrolle und schuf die Basis für eine institutionalisierte Gesundheitspolitik, die gerade in Preußen bis zum 20. Jahrhundert bahnbrechende Erkenntnisse in der Medizin brachte. Nicht weniger als 11 Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin kamen in der Folge aus der Charité.«
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