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2. Januar 1861: Thronwechsel in Preußen

Der Wandel der Welt ausgehend vom Manchester Kapitalismus - das Entstehen des Kapitals und des Kapitalismus

Moderator: Barbarossa

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Barbarossa
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Textzitat in voller Länge:

»Zum Todestag König Friedrich Wilhelms IV.

Thronwechsel waren in Preußen von jeher ein Einschnitt und ein Bruch mit dem bisherigen System, doch der 2. Januar 1861 wog besonders schwer.

Als Friedrich Wilhelm IV. in Sanssouci verschied, endete nicht nur das Leiden eines Monarchen, der seine letzten Jahre bereits im Schatten der Regentschaft seines Bruders Wilhelm verbracht hatte. An diesem Tag wurde seine Idee von einem Staat sinnbildlich zu Grabe getragen: Es war das endgültige Scheitern des Versuchs, das Königreich mit den Idealen der Romantik und des Geistes zu formen und zu regieren.

Friedrich Wilhelm IV. entzieht sich bis heute einer Kategorisierung. Er war weder Reaktionär noch ein Liberaler; er war ein Mann von tiefem ästhetischem Anspruch und brillanter Rhetorik, der sich mit der Dynamik des 19. Jahrhunderts schwer tat. Seine Tragik bestand in der Diskrepanz zwischen seinem Ideal und der Realität: Während die Industrialisierung und das erstarkende Bürgertum nach politischer Partizipation und Verfassungsstaatlichkeit drängten, träumte der König von einer sakralen Erneuerung des mittelalterlichen Ständestaates – einer Renovatio imperii nach preußisch-protestantischer Staatsphilosophie. In gewissem Sinne erinnerte nicht nur seine Kinderlosigkeit an Kaiser Heinrich II., den Heiligen, den letzten aus der großen ottonischen Kaiserdynastie, auch sein auf moralische Reinheit ausgelegter Herrschaftsanspruch lässt Parallelen zu.

Er verstand sich nicht als der erste Beamte des Staates im friderizianischen Sinne, sondern als Landesvater von Gottes Gnaden. Diese Überzeugung führte 1849 zu jener historischen Weigerung, die Kaiserkrone der Paulskirche anzunehmen – jenen „Reif aus der Gosse“, der für ihn den Makel einer Revolution trug. Es war kein Machtdünkel, vielmehr war es eine Prinzipientreue, die seine Sicht für die Realität verklärte.

Was bleibt von diesem „Romantiker auf dem Thron“?

Wenn er auch politisch vermeintlich scheiterte, so triumphierte er im Kulturellen. Friedrich Wilhelm IV. war der letzte bedeutende Architektur- und Kulturmäzen unter den Hohenzollern. Die Vollendung des Kölner Doms als nationales Symbol, das Neue Museum in Berlin oder die italienisch anmutende Landschaftsarchitektur Potsdams mit der Friedenskirche sind nur einige Beispiele der Manifestationen seines Geistes. Er verlieh Preußen sein letztes ästhetisch stimmiges, unaufdringliches Antlitz, während das politische Gerüst unter den Spannungen der Vormärz- und Revolutionszeit und unter den wieder aufkeimenden Verwerfungen der europäischen Großmächte ächzte.

Mit seinem Tod und dem formellen Regierungsantritt Wilhelms I. wich das „geistreiche“ Preußen dem „nüchternen“ Preußen. Die Ära der philosophischen Visionen wurde abgelöst durch die Ära der Realpolitik Bismarcks, der virtuos die Dissonanzen des Zeitgeistes orchestrierte und politisch zu nutzen wusste.«
Quelle: https://www.facebook.com/share/p/17nqCk5BgS/
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