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»Helmuth Graf von Moltke (1800–1891)
Am 24. April 1891 verstarb Helmuth Graf von Moltke im Alter von 90 Jahren in seiner Dienstwohnung im Berliner Alsenviertel.
Während Otto von Bismarck als der politische Kopf und eigentliche Architekt der Reichsgründung in die Geschichte einging und Albrecht von Roon als der große militärische Organisator und Heeresreformer wirkte, war Helmuth von Moltke das strategische Genie hinter der kleindeutschen Einheit. Seine Triumphe in den Einigungskriegen haben ihn unsterblich gemacht. Weniger bekannt, doch nicht weniger bedeutend, ist jedoch sein Wirken in den zwei Jahrzehnten nach der Reichsgründung. Nach den großen Feldzügen trat er bewusst wieder in den stillen, sachlichen Dienst zurück – ganz im Sinne preußischer Pflichterfüllung – und wurde dennoch zur moralischen Instanz und zum wortkargen Mahner des jungen Deutschen Reiches.
Chef des Großen Generalstabs
Bis zu seinem Rücktritt im August 1888 blieb Moltke Chef des Großen Generalstabs. In diesen siebzehn Jahren nach 1871 formte er die Institution zur wohl leistungsfähigsten militärischen Planungszentrale Europas. Er professionalisierte die Generalstabsausbildung auf höchstem Niveau, ließ die Kriegsgeschichte systematisch als theoretischen Lehrstoff aufarbeiten und erhob die Eisenbahn zum zentralen Instrument moderner Kriegsführung. Logistik, Mobilmachung und präzise operative Planung blieben zeitlebens die Schwerpunkte seines Denkens.
Moltke erkannte mit bemerkenswerter Klarheit die Gefahren der neuen europäischen Konstellation. In mehreren internen Denkschriften warnte er eindringlich vor einem Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland. Ein solcher Konflikt, so seine nüchterne Analyse, werde lang, blutig und nur unter größten Opfern zu führen sein. Seine operative Planung und seine realistische Risikobewertung haben das deutsche Militärdenken bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geprägt.
Tätigkeit im Reichstag
Moltke war jedoch nicht nur Soldat. Seit 1867 saß er als Abgeordneter der Konservativen im Norddeutschen Reichstag, ab 1871 im Deutschen Reichstag, wo er den ostpreußischen Wahlkreis Memel-Heydekrug vertrat. Ab 1881 war er Alterspräsident des Reichstags.
Er sprach nur selten, doch wenn er das Wort ergriff, geschah dies mit großem Gewicht. Seine Beiträge beschränkten sich fast ausschließlich auf Militärfragen, den Wehretat und außenpolitische Risiken. Er unterstützte die Politik Bismarcks, wahrte aber stets ein unabhängiges Urteil. Moltke akzeptierte das Primat der Politik, bestand jedoch entschieden darauf, dass militärische Realitäten nicht aus ideologischen Gründen verleugnet werden dürfen.
Sein letzter großer öffentlicher Auftritt blieb unvergessen: Am 14. Mai 1890, im Alter von fast 90 Jahren, hielt er seine letzte bedeutende Reichstagsrede. Mit ernster Stimme warnte er vor einem neuen großen europäischen Krieg:
„Es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!“
Diese Rede wurde zum Vermächtnis des „großen Schweigers“ – nüchtern, kriegserfahren und von prophetischer Weitsicht.
Gut Kreisau und sein Tod in Berlin
Nach seinem Rücktritt 1888 zog sich Moltke weitgehend auf sein Gut Kreisau in Schlesien zurück, das er 1867 mit der ihm nach dem Sieg bei Königgrätz verliehenen Dotation von 30.000 Talern erworben hatte. Dort führte er ein zurückgezogenes Leben, unternahm lange Spaziergänge, las und schrieb. Bis zuletzt blieb sein Geist vollkommen klar. Zu seinem 90. Geburtstag im Oktober 1890 wurde er im gesamten Reich mit großen Ehren gefeiert.
Den Sommer verbrachte er regelmäßig in Kreisau, doch er behielt zeitlebens eine offizielle Dienstwohnung im Berliner Alsenviertel. Auch im April 1891 hielt er sich wieder in der Hauptstadt auf. Am Abend des 24. April 1891 fühlte er sich plötzlich unwohl, legte sich nieder und starb gegen 21:45 Uhr an einem Herzschlag. Er verschied nicht auf seinem Gut, sondern in seiner Berliner Dienstwohnung – gleichsam noch „im Dienst“, denn auch nach dem Ausscheiden als Generalstabschef blieb er Präsident der Landesverteidigungs-Kommission.
Staatsakt in Berlin und Beisetzung in Kreisau
Dem Verstorbenen wurde ein würdiger Staatsakt zuteil. Sein Leichnam wurde im Großen Saal des Generalstabsgebäudes aufgebahrt. Am 27. April 1891 fand dort die offizielle Trauerfeier statt. Tausende Menschen erwiesen ihm die letzte Ehre. Kaiser Wilhelm II. nahm persönlich teil, ebenso der König von Sachsen, der Großherzog von Baden und weitere deutsche Fürsten. Im feierlichen Trauerzug wurde der Sarg unter militärischen Ehren zum Lehrter Bahnhof geleitet, wo Tausende Soldaten Spalier standen. Es war einer der eindrucksvollsten Staatsakte des jungen Kaiserreichs.
Anschließend wurde der Sarg per Sonderzug nach Schlesien überführt und auf Gut Kreisau im Familienmausoleum neben seiner bereits 1868 verstorbenen Frau Mary beigesetzt. Die eigentliche Beisetzung erfolgte im engsten Kreis, entsprechend Moltkes eigenem Wunsch.
Vermächtnis
In den Jahren nach der Reichsgründung verkörperte Helmuth von Moltke die ruhige, sachliche und vorausschauende Seite des preußisch-deutschen Militärs. Er war weder ein Säbelrassler noch ein Politiker im herkömmlichen Sinne. Durch seine Ämter, sein hohes Ansehen und seine klaren, analytischen Warnungen wurde er zu einer der wichtigsten konstanten und stabilisierenden Kräfte des Reiches. Seine seltene Verbindung aus militärischer Meisterschaft und politischer Zurückhaltung, aus strategischer Brillanz und persönlicher Bescheidenheit, macht ihn zu einer der prägendsten und achtenswertesten Figuren der frühen Kaiserzeit.«
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Quelle: https://www.facebook.com/share/p/1DYV74kdAV/
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Architekten des Kaiserreichs - Helmuth Graf von Moltke (1800–1891)
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